Analyse: „Manchmal hast du Glück, manchmal musst du dir dein Glück machen“ – „Lucky“  Osawe schießt Lautern eindrucksvoll auf die Saisonzielgerade

Huch, was war das? Der 1. FC Kaiserslautern ist mit einem satten 4:1-Auswärtserfolg beim MSV Duisburg auf die Saisonzielgerade eingebogen. Der erste von fünf Siegen, die in den abschließenden sieben Partien notwendig sind, um in der Zweiten Liga zu bleiben, ist somit eingefahren. Doch so wichtig ist es, Selbstvertrauen aus einem solchen Erfolg zu saugen, so wenig darf man sich von dem Ergebnis blenden lassen, das auf dem Papier so eindrucksvoll aussieht: Auch innerhalb dieser 90 Minuten leistete der FCK sich eine Phase, in der er sich locker um den Erfolg bringen konnte. Glaubt man allerdings Rechtsverteidiger Benjamin Kessel, war auch die wichtig, um die Lauterer für zweite Hälfte aufzubauen: „In solchen Situationen merkst du, dass du heute das Glück auf deiner Seite hast, dass heute nicht schiefgehen kann.“ Für die Nerven der Fans wäre es dennoch angenehmer, wenn ihr Team in den nächsten Partien solche Schwächeperioden eher ausmerzt, als sich daran hochzuziehen.

Dabei begann das Spiel so, wie sich der Anhang einen Auswärtsauftritt vorstellt. Lautern übernimmt die Kontrolle, um den zuletzt durch drei Niederlagen in Serie gebeutelten Duisburgern erst gar nicht das Gefühl zu geben, dass für sie nach der Länderspielpause eine neue Zeitrechnung beginnt. Wenig überraschend auch die Personalentscheidungen, mit denen Trainer Michael Frontzeck aufwartet: Für den rotgesperrten Jan-Ingwer Callsen-Bracker ist Marcel Correia gekommen, vorne hat Lukas Spalvis wieder mal den Vorzug von Sebastian Andersson erhalten.

SO GEHT UMSCHALTSPIEL: VOM BALLGEWINN ZUM 1:0 IN 12 SEKUNDEN

Die Partie startet mit viel Ballzirkulation durch rote Reihen, freilich, ohne dass der FCK daraus Druck aufs gegnerische Tor entwickelt. Ein Freistoß von Nils Seufert gibt MSV-Keeper Mark Flecken Gelegenheit zu einer stilistisch feinen Flugparade für die Galerie – und belegt, dass der Lauterer Youngster weiter an seinem ersten Treffer aus der Distanz arbeitet, dabei zusehends näher ans Ziel rückt.

   Wo jedoch Seuferts wahre Stärken liegen, zeigt er zwei Minuten später. Lauterns Goalie Marius Müller faustet einen Distanzschuss Fabian Schnellhardts aus dem Strafraum, Philipp Mwene blockt den zweiten Ball 18 Meter vorm eigenen Kasten, so dass er bei Seufert landet. Dann dauert es zwölf Sekunden, bis er vor den Füßen Osayamen Osawes liegt: Nach Seuferts einleitendem Pass trägt ihn Leon Guwara übers Feld, der spielt Osawe in der Mitte an, der legt auf Mwene ab, der dringt halblinks in den Sechzehner ein, schießt, Flekken klatscht nur ab, Osawe vollstreckt. So sieht schnelles Umschaltspiel aus, so offenbart sich aber auch das berühmte Quäntchen Glück, dass es im Fußball eben auch braucht, im Abstiegskampf erst recht.

MIT JENSSEN FÜR BORRELLO KOMMT LINKS MEHR SICHERHEIT

Und eben das strapazieren die Lauterer bis zur Pause im Grunde deutlich über Gebühr. Borys Tashchy semmelt einen Volley aus acht Metern über den Lautrer Kasten, Moritz Stoppelkamp trifft zwei Mal Aluminium, ein Kopfball Kingsley Onuegbus kullert Zentimeter am langen Torpfosten vorbei. Interessant: Sämtliche Großchancen ergeben sich aus Anspielen von Duisburgs rechter Seite, zwei davon aus dem Spiel heraus, wobei die Lautrer nicht einmal in Unterzahl sind, als sie die Zebras flanken lassen. Da wird einfach nicht aggressiv genug genug attackiert.

In der Halbzeit kommt es auf der linke Seite dann zu einem Wechsel: Ruben Jenssen kommt für Brandon Borrello, dem schon wie im vorangegangenen Spiel gegen St. Pauli nicht viel gelungen ist, außerdem ist er nach einer frühen Gelben Karte rotgefährdet. Der Australier scheint nach starken Wochen zuletzt in ein Tief gerutscht zu sein. Vielleicht ganz gut, dass Michael Frontzeck die Entscheidung, ihn das nächste Mal eventuell aus der Startelf zu nehmen, nun ohnehin abgenommen ist. Denn da Borrello seine fünfte Gelbe gesehen hat, ist er am kommenden Sonntag gegen Regensburg (13.30 Uhr) gesperrt.

Für ihn dürfte Jenssen von Beginn an ran dürfen, was auf der linken Seite mehr defensive Stabilität gewährleisten könnte – so, wie es auch am Samstag nach seiner Einwechslung der Fall war.

HÄLFTE ZWEI: DIE KOMBINATION VON ECHTEM UND ERARBEITETEM GLÜCK

Im zweiten Durchgang nämlich hat der FCK seine Souveränität aus den Anfangsminuten wiedergefunden. Lukas Spalvis hat schon in der 47. Minute die Chance, aus kürzester Distanz einzuköpfen, eine Minute später macht Osawe das 2:0, als er in seiner typischen Art über links in den Strafraum eindringt, dann aber aus spitzem Winkel nicht den Pass sucht, sondern aufs kurze Eck hält. So macht das ein Stürmer, dessen Selbstbewusstsein wieder hergestellt ist.

„Manchmal hast du Glück, manchmal musst du du dir dein Glück machen“, kommentiert der Engländer seine beiden ersten Treffer hinterher, und bringt damit auch die Analyse des gesamten Spiels gelungen auf den Punkt.

Auch sein 3:0 ist eine gelungene Kombination aus echtem und erarbeiteten Glück. Nach einer bereits abgewehrten Freistoßflanke Guwaras bringen der nur 1,70 Meter große Mwene und Kessel das Leder mit Kopfbällen zurück in den Sechzehner und vor die Füße Osawes, der abermals nur draufzuhalten braucht.

Nach Stanislav Iljutcenkos Treffer zum 1:3 – die Kopfballvorlage Gerrit Naubers von der Grundlinie wäre nicht allzu schwer zu verhindern gewesen –, sind es abermals zwei ruhende Bälle Guwaras, mit denen sich der FCK in den Schlussminuten in Szene setzt. Den einen verwandelt Kessel zum 4:1, den anderen macht Stipe Vucur rein, doch Schiri Robert Schröder erkennt den Treffer nicht an. Der herrschenden Meinung zufolge, weil Osawe Keeper Flekken behindert haben soll. Bisschen schwer nachvollziehbar, angesichts des Spielstands aber zu verschmerzen.

„DAS GUTE IST, MIT UNS RECHNET KEINE SAU“

Lautern darf nun also Frohe Ostern feiern, muss lediglich fürchten, dass das Fest in den nächsten beiden Tagen durch Ergebnisse getrübt wird, die den Mitbewerber am Tabellenende zu überraschenden Punktgewinnen verhelfen – so geschah es in  den vergangenen Wochen schließlich immer wieder.

Benjamin Kessel sieht den eigentlich immer noch abgeschlagenen Tabellenletzten unschätzbar im Vorteil: „Das Gute ist, mit uns rechnet uns keine Sau.“ Na ja – die eigenen Fans rechnen schon noch mit FCK, und wie: Auch in Duisburg waren wieder 3000 Anhänger dabei, die lautstark Betrieb machten. Säue waren allerdings nicht darunter.  Insofern liegt Benni Kessel richtig.

SPALVIS SCHUFTET, OSAWE TRIFFT: WARUM NICHT?

Zum Abschluss noch der gewohnte Blick auf die Positions- und Passgrafik von 11tegen11. Die Linkslastigkeit des Lautrer Spiels, die in den vergangenen Wochen immer wieder zutage trat, hat sich der Visualisierung zufolge ein wenig verflüchtigt. Gleichwohl sind die zwei ersten Treffer über diese Seite vorbereitet worden.

Müller hat diesmal wieder mehr die weiten Abschläge auf Spalvis präferiert, der seine Bälle bevorzugt sehr tief im Feld stehend annehmen musste und eher als offensives Arbeitstier unterwegs war. Ist absolut in Ordnung, solange Osawe für den Budenzauber ganz vorne sorgt.

In der Schlussphase musste Spalvis übrigens Halil Altintop weichen, der sich ebenfalls immer wieder aus dem Sturmzentrum herausfallen ließ, um klug den Ball zu halten und zu verteilen. Womit der Oldie bestätigte, was wir in der Länderspielpause auch in unserem Zwischenzeugnis attestiert haben: Er kann für die Mannschaft auch sehr viel wert sein, wenn er nur von der Bank kommt.

Christoph Moritz agierte einmal tiefer als Seufert. Stark im Spiel waren beide, wobei Seufert diesmal mit einer Laufleistung von 12.22 Kilometern diesmal seinen angestammten Mittelfeldpartner (11,58 Kilomteter) sogar übertraf. Das kam bislang eher selten vor.

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