Gästeblog: Wie die Arminia an Lautern vorbeizog – und warum die Pfalz neue Vorbilder braucht

Der 1. FC Kaiserslautern tritt am kommenden Freitag, 18.30 Uhr, beim aktuellen Tabellenfünften Arminia Bielefeld an, der drei Spieltage vor Rundenschluss 15 Punkte mehr aufweist als der quasi feststehende Absteiger aus der Pfalz. Interessiert da irgendjemanden noch eine sportliche Einschätzung? Sparen wir sie uns. Lassen wir lieber mal Revue passieren, wie die Ostwestfalen in den vergangenen 13 Monaten am FCK vorbeigezogen sind – und sich gegenüber den Pfälzern nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich einen Vorsprung erarbeitet haben, der voraussichtlich noch Jahre Bestand hat. Das verspricht doch viel mehr Erkenntnisgewinn, oder?

In der vorangegangenen Saison gastierte der FCK am 17. März in Bielefeld. Die Arminia war zu diesem Zeitpunkt Tabellenachtzehnter, die Lautrer waren Dreizehnter, die Ostwestfalen gewannen 2:0. In der Woche danach nahm mit Jeff Saibene ein neuer Trainer seine Arbeit in Bielefeld auf. Er holte in den verbleibenden neun Spielen 14 Punkte, Arminia beschloss die Spielzeit auf Rang 15, der FCK auf Rang 13.

In die Saison 2017/18 starteten die Bielefelder finanziell noch klammer, als sie es zuvor schon waren. Vor allem die beiden Trainerentlassungen der vorausgegangenen Spielzeit nagten noch am Budget, der Lizenzspieleretat wurde daher um 300.000 Euro reduziert, pendelte sich auf 9,5 Millionen ein. Rund eine Million weniger, als der FCK zur Verfügung hatte, um seinen Kader zu formieren. Dennoch hat Bielefeld heute 44 Zähler auf dem Konto, Lautern nur 29…

Wie die Mannschaft sportlich punktet, war schon bei ihrem 0:2-Auswärtssieg auf dem Betzenberg im Hinspiel zu sehen, über Jeff Saibenes Ansprüche war auch in diesem Blog schon einiges zu lesen. Sein Team bewegt sich geschlossen über den Platz, gestattet dem Gegner durch sein ungeheuer laufintensives Spiel kaum unbedrängte Zuspiele in der eigenen Hälfte. Nach wie vor stellen die Bielefelder in der Liga die Elf, die am meisten läuft, im Schnitt über 120 Kilometer pro Partie.

SCHULDENSCHNITT UND STADIONVERKAUF: DAVON KANN LAUTERN NICHT MAL TRÄUMEN

Anfang des Jahres gelang den Ostwestfalen zudem auch auf wirtschaftlicher Ebene ein gewaltiger Befreiungsschlag. Gläubiger, darunter auch die Stadt Bielefeld, erließen dem Verein Schulden in einer siebenstelligen Gesamthöhe, Unternehmer aus der Region erklärten, frisches Geld zu investieren. In diesen Tagen soll der Verkauf der Schüco-Arena klargemacht werden.

Arminia will danach nur noch Mieter im ehemals eigenen Stadion sein, der „Neuen Westfälischen“ zufolge dann zwischen 500.000 und 800.000 Euro Pacht im Jahr zahlen, eher weniger als mehr. Die Vorstellung sei realistisch, da es dem Käufer darüberhinaus ja möglich sei, Einnahmen mit den Grundstücken zu erzielen, die er mit dem Vereinsgelände ebenfalls erwerbe. Perspektiven, von denen Kaiserslautern nicht mal mehr träumen kann.

ARMINIA IST NUN DA, WO LAUTERN BIS VOR KURZEM NOCH WAR

Für die kommende Saison hat Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek unlängst im „Westfalen-Blatt“ angekündigt, den Lizenzspieler-Etat auf einen Betrag zwischen 12,5 bis 14,5 Millionen zu erhöhen. „Wir wollen zu den Top 25 in Deutschland gehören“, wird der Mann zitiert. Tja, aus diesem erlauchten Kreis ist der FCK spätestens am Ende dieser Spielzeit endgültig herausgefallen.

Behält die Arminia ihren derzeitigen 5. Rang bei, winken ihr allein 9,5 Millionen Euro an TV-Geldern, vier Millionen Euro mehr als im vergangenen Jahr. Der Sprung im Verteilungsranking der DFL ist auch deswegen möglich, weil sich außer Kaiserslautern mit Darmstadt noch ein weiterer Klub, der bislang vor Bielefeld stand, aus demselben verabschieden könnte.

Wir sehen: Wieder einmal hat ein Verein den 1. FC Kaiserslautern nachhaltig überholt. So, wie es so viele in den vergangenen Jahren getan haben.

Doch warum schreiben wir das? Damit sich FCK-Verantwortliche und -Anhang jetzt noch mieser fühlen, als sie es ohnehin schon tun?

FREIBURG ODER MAINZ NACHZUEIFERN, BRINGT NICHTS MEHR

Nö. Sondern, um zu zeigen, dass für den Klub nun dringend an der Zeit ist, neu zu denken, sich neue Vorbilder zu suchen. Vor zwei, drei Jahren wurde noch davon geredet, Freiburg oder Mainz nacheifern zu wollen. Vereine, die nach wie vor keine Großinvestoren vorweisen können, mit den Großen aber immer noch mitspielen, weil sie jedes Jahr Spieler mit Marktpotenzial entwickeln, die ihnen Millioneneinnahmen an Transfererlösen sichern. 

Das wird bis auf Weiteres nun nicht mehr möglich sein. Die Spieler, mit denen der Verein Geld verdienen könnte, werden den Verein nun ablösefrei verlassen, weil sie keine Arbeitspapiere für die Dritte Liga haben.

DIE „BENCHMARKS“ HEISSEN NUN REGENSBURG UND KIEL

Und nun? Müssen die Vorbilder Regensburg und Kiel heißen. Vereine, die ihre Ansprüche eben nicht über den zur Verfügung stehenden Etat definieren. Sondern die in der Dritten Liga mit kleinem Geld Teams formiert haben, die sich in dieser Saison eine Etage höher glänzend behaupten. Kiel ist aktuell Dritter, Regensburg steht nur zwei Punkte dahinter.

„Der Jahn“ hat heuer, ausweislich der Marktwerttabelle von transfermarkt.de , die billigste Mannschaft der Zweiten Liga am Start. Dennoch bewegt diese sich fußballerisch absolut auf dem „State of the Art“, spielt ein kollektiv bestens organisiertes, mitreißendes Angriffspressing, wie gerade unlängst beim 1:1 auf dem Betzenberg zu sehen war. Das sollte von nun an „Benchmark“ für den Kader von Trainer Michael Frontzeck sein.

Übungsleiter, die dergleichen einstudieren lassen, müssen übrigens nicht  unbedingt der neuen Generation „Nerd“ angehören, über die so viel geschrieben wird. Vergangenen Sonntag demonstrierte Dynamo Dresden, wie sich auch noch im Angriffsdrittel noch präziser, gut strukturierter Kombinationsfußball spielen lässt. Dort sitzt der Uwe Neuhaus auf der Bank, der mit seinen 58 Jahren noch fünf Lenze mehr erlebt hat als Michael Frontzeck.

2 Gedanken zu “Gästeblog: Wie die Arminia an Lautern vorbeizog – und warum die Pfalz neue Vorbilder braucht

  1. In Kiel und Regensburg wird wirklich gute Arbeit geleistet. Und in Bielefeld ist Saibene ein Trainer, der aber auch bei unpopulären Entscheidungen die Rückendeckung bekommt, die Vorgänger nicht hatten.
    Nicht wenige werden morgen auf die Alm gehen, um insbesondere Herrn Frontzeck in die dritte Liga zu verabschieden. Er wurde zwar eine Woche vor Saisonende seinerzeit entlassen, um mit Jörg Berger das Unmögliche noch hinzukriegen – letztlich ist Frontzeck aber der letzte Bielefelder Bundesligatrainer. In einer Saison, in der man mit dem Credo Ruhe zu bewahren die Erstklassigkeit lethargisch über sich ergehen ließ.

  2. Eine interessante Gemeinsamkeit zwischen FCK und Bielefeld ist Norbert Meier.
    In Bielefeld brachte Meier sie zurück in die 2. Liga und auch ins Halbfinale des DFB-Pokals.
    Beim FCK erzielte Meier in der vergangenen Saison mehr Punkte als Tayfun Korkut und spielte auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Glatzel.

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