Analyse: Ein 1:0, das wichtiger ist, als die Tabelle noch aussagen kann – und in den Katakomben zeichnen sich Überraschungen ab 

In den obligatorischen Nachrufen, die in der vergangene Woche den besiegelten Abstieg des 1. FC Kaiserslautern in die Dritte Liga begleiteten, hieß es mehrmals, das Schlimmste wäre, dass „de Betze“ den Pfälzern nunmehr egal geworden sei… Echt jetzt? 26.453 Zuschauer lösten am Sonntagnachmittag Tickets fürs Fritz-Walter-Stadion, um ein Spiel zu sehen, in dem es im Grunde um nichts mehr ging. Gleichgültigkeit sieht ja wohl anders aus. Und immerhin bekamen die Treuen nach einer schwer erträglichen Halbzeit noch einen 1:0-Sieg zum Abschied aus der Zweiten Liga geschenkt. Der im übrigen viel wichtiger war, als es die aktuelle Tabelle es auszudrücken vermag. Denn er schafft wieder mehr Ruhe im Umfeld, und die braucht es in den nächsten Wochen, damit die sportliche Leitung die Weichen fürs Lauterer Debüt in der Dritten Liga stellen kann. Denn dabei zeichnen sich einige erfreuliche Überraschungen ab.

Auf dem Platz gab’s aber erst einmal keine Experimente zu sehen. Der Verein ist rechnerisch abgestiegen ist und zehn der elf Spieler, die Michael Frontzeck zum Anpfiff schickt, werden sich nach normalem menschlichen Ermessen in den nächsten Tagen verabschieden. Fünf davon sind Leihspieler, die augenscheinlich keine Zukunft am Betzenberg haben, fünf weitere dürften sich nach Erlöschen ihres Vertrags für Angebote höherklassiger Vereine entscheiden. Nur von Gino Fechner, der die rechte Verteidigerseite für den gesperrten Philipp Mwene übernimmt, ist bekannt, dass der FCK sich gegenwärtig um seinen Verbleib bemüht.

Ist die Aufstellung jetzt besonders mutig oder besonders fahrlässig von Trainer Michael Frontzeck, dessen Standing nach einer vierten Niederlage in Serie sicher weiter gelitten hätte? Es ist, wie so vieles im Leben und im Fußball, relativ.

GESPRÄCHE MIT OSAWE, ANDERSSON, SEUFERT – ÜBERRASCHUNG IM FALL SPALVIS?

Denn vielleicht bleiben am Ende doch mehr Profis, als es nach ersten Prognosen den Anschein hatte. „Wir reden mit allen“, versichert Sportdirektor Boris Notzon nach dem Spiel und nennt konkret die Namen Osayamen Osawe, Sebastian Andersson und Nils Seufert, mit denen er aktuell verhandele.

Seufert ist übrigens wegen kurzfristig aufgetretener muskulärer Probleme nicht im Kader. Es ist also kein Fingerzeig, dass er fehlt, ebenso wenig, dass Kacper Przybylko an diesem Sonntag weder im Aufgebot der Ersten noch der Zweiten Mannschaft steht, obwohl er nach seinem langen verletzungsbedingten Ausfall zuletzt beim FCK II Spielpraxis sammelte. „Wir sprechen auch noch mit ihm“, erklärt Notzon, räumt allerdings ein, dass die Beurteilung von „Pritsches“ Fall wegen seiner vielen Verletzungsgeschichten in den vergangenen beiden Jahren besonders schwierig sei: „Wenn er mal ein halbes Jahr am Stück fit wäre, könnte er eine riesen Bereicherung sein, das ist uns wohl allen klar.“

Erstaunliches ist später noch in der SWR-Sendung „Flutlicht“ zu vernehmen: Wie es aussieht, zieht Sporting Lissabon seine Option für den ausgeliehenen Lukas Spalvis nicht, so dass dieser ablösefrei auf den Markt käme – und er scheint nicht abgeneigt, mit dem FCK den Gang in die Dritte Liga anzutreten. 

FÜR MÜLLER IST DIE TÜR NICHT ZU, MIT MANNI HAT NOCH KEINER GEREDET

Ebenso bekräftigte die Leipziger Leihgabe Marius Müller, dass für ihn die Tür beim FCK keinesfalls schon zu sei, dass seine eigenen Wünsche angesichts der bestehenden Besitzverhältnisse aber erst einmal hinten anstünden… Manfred Osei Kwadwo, der uns ebenfalls in der Mixed Zone über den Weg lief, erklärte hingegen, mit ihm habe bislang noch keiner gesprochen, er könne noch nicht sagen, ob er bleibe oder gehe, da gebe es noch keine Tendenz.

Es scheint also vieles noch möglich bis 10. Juni, wenn der neue FCK-Kader seine Vorbereitung für die erste Saison in der Dritten Liga aufnehmen will.

War sonst noch was? Ach so, ja: das Spiel.

Das Netteste, was wir aus FCK-Sicht über die erste Hälfte schreiben können, ist: nichts.

 Außer vielleicht, dass sich der Rasen im Fritz-Walter-Stadion mittlerweile gut erholt hat, er ist auch schön geschnitten, in so einem Schachbrettmuster, allerdings ist auffällig, wie viele Grünschattierungen die einzelnen Vierecke aufweisen, Fifty Shades of Green gewissermaßen, und auf der Bandenwerbung vor der Südtribüne präsentiert sich neben dem scheidenden Hauptsponsor „top12“ irgendwie passend „Ruheforst“, das würde sich doch auch gut machen auf den Leibchen der FCK-Profis, vor allem, wenn sie so spielen wie gerade eben, nach 30 Minuten meldet die „kicker“-Statistik 10:0 Torschüsse für Heidenheim… Aufhören?

ZWEITE HALBZEIT: EIN 1:0, DAS ZEIGT, WIE EINFACH FUSSBALL IST – UND WIE SCHÖN

Okay. Die zweite Halbzeit ist besser.

Frontzeck nimmt Lukas Spalvis und Ruben Jenssen raus, besetzt die Flügel neu. Manni Osei Kwadwo darf mal wieder auf der rechten Seite ran, links übernimmt Leon Guwara den offensiven Part, während hinten Joel Abu Hanna absichert.

Osawe darf dafür nun in die vorderste Linie rücken, und siehe da, nachdem er 45 Minuten lang nahezu unsichtbar am rechten Flügel herumdruckste, entwickelt er sofort Torgefahr, schon in der 48. Minute bricht er allein Richtung Heidenheimer Tor durch, schließt aber ab wie sein „Pro Evolution Soccer“-Avatar auf dem niedrigsten Spiellevel.

Dennoch: „Wir haben zwei gute Wechsel auf den Flügeln gemacht, hatten  dann auch mehr Tiefe im Spiel“, beschreibt Michael Frontzeck hinterher die Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte. Laut geworden sei er in der Pause übrigens nicht: „Das hätte nichts gebracht, den Hammer herauszuholen“.

Die Spieler seien schon willens gewesen, sich mit einem guten Auftritt von ihrem Publikum zu verabschieden, nur sei in der ersten Hälfte nichts  zusammengelaufen. Zum Saisonabschluss in Ingolstadt könne es nun allerdings sein, dass er doch noch ein wenig mehr experimentiere, schließlich gehe es nun ja auch für die Gastgeber um nichts mehr.

Den Höhepunkt des Spiels bot die 68. Minute. Der Däne Mads Albaek demonstriert mit einem kerzengeraden Vertikalpass aus der Sechserposition, wie einfach Fußball doch sein kann, wenn vorne ein Stürmer steht der genau im richtigen Moment in die Gasse startet. Der Schwede markiert daraufhin sein elftes Saisontor – dass der Verein sich bemüht, auch ihn zu halten, ist ehrenwert, aber wie blöd müssten die Scouts finanzstärkerer Vereine eigentlich sein, um diesen nun ablösefreien Schwedenhappen zu übersehen.

MAN MAG GAR NICHT DRÜBER NACHDENKEN: WAS WÄRE GEWESEN, WENN…

Überhaupt: Ein Christoph Moritz hätte den FCK zum Saisonende wohl auch im Falle des Klassenverbleibs verlassen, aber Andersson, Albaek, ein wieder genesener Brandon Borrello, ein sich weiter entwickelnder Nils Seufert… Nicht auszudenken, was mit diesem Team nächste Saison in der Zweiten Liga möglich gewesen wäre. Aber Konjunktive haben noch nie weitergeholfen.

Herzergreifend der Schlussakt, als Kicker wie Altintop, Andersson und Jenssen mit ihrem Nachwuchs vor die West traten, die zunächst fremdelte, dann aber doch sehr stimmgewaltig sein Treuebekenntnis zum Klub ablegte. Der FCK ist eben Generationensache. Es wird weitergehen. Auf jeden Fall. Irgendwie.

Zum Abschluss wie gehabt die Positions- und Passgrafik von „11tegen11“. Die Darstellung entsteht bekanntlich anhand von Daten, die in den ersten 70 Minuten erhoben werden, da die Auswechslungen, die gegen Spielende erfolgen, sie zu sehr verwischen könnten. Auffallend: Die hohe Position von Guwara, die sich dadurch erklärt, dass er in der zweiten Halbzeit, von der immerhin 25 Minuten einfließen,  links offensiv agierte. Ganz schön fett ist der Spot von Jenssen – er war in der unsäglichen ersten Hälfte, in der er spielte, eben viel am Ball. Osawes Darbietung als rechter Flügelspieler findet gar keinen Niederschlag, er stellt sich als der Stürmer dar, als der er in Hälfte zwei auflief. Spalvis operierte sehr tief und ohne Wirkung – ist eben nicht sein Ding, neben einem echten Neuner wie Andersson zu agieren. Moritz ist einmal mehr der tiefere der beiden zentralen und sehr präsenten Mittelfeldspieler.

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