Bücherblog: „Betze Leaks“ – Ein Buch, das leider so wahr ist, dass es wehtut

Schon klar: Jetzt, wo der Verein am Boden liegt, kommen die Ratten aus den Löchern und versuchen, aus dem Elend Kapital zu schlagen… In diesem Tenor ungefähr wird es in und um Kaiserslautern wohl begrüßt werden, das Buch „Betze Leaks – Der 1. FC Kaiserslautern zwischen Tradition und Possenspiel“, das der Journalist Andreas Erb jetzt veröffentlicht hat. Es behandelt den Niedergang des FCK in den vergangenen Jahren. Und da dieser mit dem Abstieg in die Dritte Liga nun einen weiteren Tiefpunkt erreicht hat, sieht es in der Tat so aus, als sei der Zeitpunkt der Publikation bewusst gewählt, um geschäftstüchtig nachzutreten…

Da dieser Blog sich jedoch der differenzierten Auseinandersetzung verschrieben hat, haben wir uns vorab ein Exemplar besorgt und gelesen. Und festgestellt: Es ist in der Tat hart, als FCK-Fan noch einmal haarklein nachlesen zu müssen, wie seit der Entscheidung, Kaiserslautern zum WM-Standort 2006 zu machen, fragwürdiges Vereinsmanagement und kurzsichtige Stadt- und Landespolitik einen zunehmend gigantischer werdenden Schlamassel anrichteten, in dem es nur Verlierer gibt und aus dem bis heute kein Weg hinaus gefunden ist.

BANF: EIGENTLICH EXISTIERTE JA GAR KEIN PACHTVERTRAG MEHR

Immerhin schließt „Betze Leaks“ mit einem Interview des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Patrick Banf, welches den Eindruck vermittelt, dass der FCK nun eine Führungsriege gefunden hat, die den anhaltenden Überlebenskampf mit einem neuen Spirit führt, der mehr Erfolg verspricht. So bringt Banf beispielsweise einen neuen, originellen Ansatz in die ewige Diskussion darüber ein, was für ein säumiger Pächter der FCK sei und wie viele Steuermillionen für diesen Verein bereits vernichtet wurden.

Schon nach dem ersten Abstieg in die Zweite Liga 2006 hätte der FCK auch den Standpunkt vertreten können, dass der Pachtvertrag mit der Stadionbetreibergesellschaft damit erloschen sei, so Banf. Denn für diesen Fall seien in dem Kontrakt niemals Modalitäten vorgesehen worden. Der Verein hätte mit Auszug drohen können, der die Arena endgültig und unwiderruflich zu einem Millionengrab für Steuergelder gemacht hätte, und den Verpächtern mit Hilfe dieses Druckmittels ihm genehme Konditionen diktieren können. Gerangel um Mietminderungen, Besserungsscheine et cetera hätte es dann nie gegeben. 

Statt dessen aber habe der Verein sich weiter in der Verantwortung gesehen, in 15 Jahren circa 60 Millionen Euro an  Miete und Sanierungskosten ausgegeben – und im übrigen auch die Besserungsscheine, mit denen die Pachtreduzierungen abgegolten werden sollten, bis auf zwei Millionen Euro beglichen. Im Grunde also habe der FCK der Stadt und dem Steuerzahler geholfen, doch „geschrieben wird es immer nur umgekehrt“, so Banf.

Inwieweit dieser neue Ansatz die aktuellen Auseinandersetzungen befruchtet, wird sich noch weisen…

EIN GEBÄUDE KANN SICH NIEMALS DEN FUSS BRECHEN? 

Bis der FCK-Freund zu diesen stimmungsaufhellenden Passagen von „Betze Leaks“ gelangt, sind allerdings düstere Kapitel zu überstehen. Wer sich freilich, so schwer es auch fällt, noch einen Rest Humor bewahrt hat, wird sich allerdings mehrmals beim Schmunzeln ertappen.

Etwa, wenn Andreas Erb die Präsentation der „Betze-Anleihe“ durch die Troika Stefan Kuntz/Fritz Grünewalt/Dieter Rombach schildert, bei der die Drei von einer soliden wirtschaftlichen Basis künden, auf der das „Zukunftsmodell FCK“ stehe, obwohl diese schon damals nachweislich nicht mehr vorhanden war. Dabei haut Kuntz auch wieder einen seiner Oneliner für die Ewigkeit raus: „Ein Gebäude kann sich niemals den Fuß brechen, von daher ist die Betze-Anleihe auf Langlebigkeit ausgelegt.“

REALSATIRE PUR: SCHWARZ UND ROT STREITEN – UND GRÜNEWALT ERKLÄRT DAS CMS

Nicht minder realsatirisch muten die Darstellungen des Treibens in Stadtrat und Landtag an, wenn Rot und Schwarz sich gegenseitig mit Schuldzuweisungen überbieten, billigen Populismus vorwerfen und sich gleichzeitig brüsten, die besseren FCK-Fans zu sein, denn auf Wählerstimmen aus der Pfalz will eben doch keiner verzichten… Wenn das alles nur nicht so entsetzlich traurig wäre.

Fast schon schwindlig wird dem Leser, wenn Erb die rhetorischen Kapriolen nachvollzieht, mit denen Finanzvorstand Grünewalt seine Konstrukte zu Pachtreduzierung et cetera inklusive seines „Cash Management Systems“ (CMS) präsentiert. Selbst wer die Skurrilität dieser Auftritte ignoriert, muss feststellen: Nahezu alle Grünewalt-Schöpfungen hätten, wenn überhaupt, nur funktioniert, wenn sie mit anhaltendem sportlichen Erfolg des FCK einhergegangen wären. Und dieses gefährliche Spiel mit dem Risiko von vorneherein zu erkennen, wär eigentlich gar nicht so schwer gewesen.

 Dass der Erfolg nicht eingetreten ist, liegt nun auf der Hand. Dass der damalige Vorstandschef Kuntz nach wie vor beteuert, sich keiner Verfehlung bewusst zu sein – zuletzt erneut in der „Rheinpfalz“ und in der SWR-Reportage „Stirb langsam, FCK“, die passender Weise am Himmelfahrtstag ausgestrahlt wurde –, lässt schon eine Art Realitätsverlust befürchten. Die unglückliche Figur, die Kuntz-Nachfolger Thomas Gries anschließend abgab, wird in „Betze-Leaks“ ebenfalls beleuchtet.

EINE GESAMTDARSTELLUNG IST NICHT NUR LEGITIM, SONDERN AUCH GEBOTEN

Vieles davon stand schon in der „F.A.Z“ zu lesen, für die Andreas Erb  in den vergangenen Jahren vornehmlich schrieb – Artikel, die in den Fanforen regelmäßig Hassstürme provozierten. Was für den Autoren sicher schmerzhaft war, da er selbst FCK-Fan ist, wie er im abschließenden Kapitel darlegt.

Doch nun blind auf den Autor einzuprügeln, weil man nicht wahrhaben will, was nie hätte wahr werden dürfen, ist keine Lösung. Eine Gesamtdarstellung des Dramas vorzulegen, das über weite Strecken in der Tat ein Possenspiel war, ist nicht nur legitim, sondern auch geboten gewesen.

 Und der Vorwurf, dass der Autor mit dem Elend des FCK lediglich Reibach machen wolle, ist unsinnig. Ihm wie auch seinem Verlag dürfte nur allzu bewusst sein, dass „Betze Leaks“ kaum ein Bestseller wird. In der Pfalz wird man angesichts der traurigen Gegenwart kaum noch einmal mit der nicht minder traurigen Vergangenheit konfrontiert werden wollen, anderswo erst recht nicht.

Handwerklich ist Andreas Erb ohnehin nichts vorzuwerfen. Er benennt eine Unmenge Zeitzeugen, mit denen er gesprochen hat, zitiert aus Presseerklärungen, Zeitungsartikeln und Sitzungsprotokollen – und auch aus vertraulichem Schriftverkehr zwischen ehemaligen Funktionsträgern, der ihm zugespielt wurde, womit  der Titel „Betze Leaks“ durchaus gerechtfertigt ist. 

Wer das größte „Leak“ gewesen sein könnte? Nun, wer das Buch aufmerksam liest, dem wird sich schnell ein konkreter Verdacht aufdrängen… Aber darum soll es hier nicht gehen.

HAT GRÜNEWALT SCHON 2008 EINEN POTENZIELLEN INVESTOR VERGRAULT?

Erb erklärt beispielsweise, belegen zu können, dass der FCK unter der Führung des damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Buchholz bereits im Frühjahr 2008 nahe dran gewesen sei, im Zuge einer Ausgliederung direkt einen potenten Investor ins Boot holen zu können: die DVAG, damals noch Hauptsponsor. Selbst im Falle eines Abstiegs in die Dritte Liga – und der FCK war zu diesem Zeitpunkt akut abstiegsbedroht – sei das Unternehmen bereit gewesen, mit neun Millionen Euro einzusteigen, und im Falle des Klassenverbleibs mit noch einigen mehr.

Die Verhandlungen seien bereits weit vorangeschritten gewesen, als der damals frischgebackene Vorstandschef Kuntz in die entscheidende Sitzung Grünewalt mitbrachte, der damals noch ohne offizielle Funktion im Verein war, lediglich als „Macher“ der vielgepriesenen „Herzblut“-Kampagne vorgestellt wurde. Dem sollen die zur Disposition stehenden neun Millionen Euro zu wenig gewesen sein – in fünf Jahren, wenn der FCK mit Kuntz in der Champions League spiele, wäre der Verein doch viele Millionen mehr wert, soll Grünewalt argumentiert haben.

 DVAG-Chef Reinfried Pohl sei von dem Auftreten des ungestümen jungen Mannes derart verärgert gewesen, dass die Verhandlungen platzten. Auch den Verlust weiterer, regionaler Sponsoren in der Ära Kuntz/Grünewalt – unter anderem „Layenberger“ – thematisiert „Betze Leaks.“

JETZT STEHT DA SCHWARZ AUF WEISS, WAS VORHER NUR GERÜCHT WAR

Wer dem Autor Dreckschleuderei vorwerfen will, sollte erst einmal abwarten, wie die Betroffenen nun auf die Veröffentlichung reagieren. Sollten die  Darstellungen ihres Tuns haltlos sein, müssten sie eigentlich mit entsprechenden juristischen Schritten reagieren. Denn da steht nun vieles schwarz auf weiß, was bislang nur als Gerücht um den Betzenberg herumschwirrte. Bleibt die Gegenwehr allerdings aus… Nun, darauf sollte sich jeder dann seinen eigenen Reim machen.

Auch uns wird jetzt vielleicht der ein oder andere Doppelzüngigkeit vorwerfen. Schließlich haben wir uns auch in unserer „Kohli“-Kolumne schon mal intensiv über das Geleake aus Aufsichtsratskreisen mokiert – und jetzt empfehlen wir ein Buch, das sich eben dies zunutze macht?

Nun, auch da gilt es zu differenzieren. Es ein Unterschied, ob ein Funktionsträger vertrauliche Mitteilungen durchsickern lässt, um Stimmungen oder Störfeuer zu entfachen, die seinen eigenen Interessen/Wünschen/Meinungen zuträglich sind, oder ob es um ihm um echte Aufarbeitung geht, die etwas zum Besseren bewirken soll, wenn anscheinend auch verbunden mit dem Reinwaschen des eigenen Namens.

WER DIE ZUKUNFT GESTALTEN WILL, SOLLTE „BETZE LEAKS“ GELESEN HABEN

„Frieden ist wichtiger als Gerechtigkeit“ – mit diesen Worten hat das ehemalige Ehrenratsmitglied Burkhard Schappert im Interview mit dem FCK-Blogwart dafür geworben, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Weise Worte, sicherlich. Der FCK-Aktivist Johannes B. Remy indes hat in einem Gastkommentar auf dieser Seite geschrieben:„Wer die Zukunft gestalten will, darf die Vergangenheit nicht leugnen.“ In diesem konkreten Fall schließen wir uns ihm an.

Soll heißen: Wer die Zukunft des FCK mitgestalten will, und sei es nur durch die Abgabe seiner Stimme bei der nächsten Jahreshauptversammlung, dem sollte der Inhalt dieses Buches bekannt sein. Nicht, weil er mit der Lektüre seine Leidensfähigkeit unter Beweis stellt, sondern, weil sie ihm hilft, dafür Sorge zu tragen, dass diese Geschichte nicht weitergeschrieben wird. Geschweige denn, sich wiederholt.

Zum Schluss noch ein Veranstaltungstipp: Am Dienstag, 15. Mai, 19 Uhr, diskutiert Andreas Erb in der Thalia-Buchhandlung (Kaiserslautern, Kerststraße 9 – 15) mit Zeitzeugen über „Betze Leaks.“ Mit dabei sind der ehemalige Aufsichtsratssprecher Dieter Buchholz, F.A.Z.-Journalist Michael Ashelm und FCK-Ehrenrat Klaus Becker. Der Eintritt kostet fünf Euro.

2 Gedanken zu “Bücherblog: „Betze Leaks“ – Ein Buch, das leider so wahr ist, dass es wehtut

  1. Hallo Herr Scherer!
    Sehr guter Blogbeitrag- trotzdem bin ich weiterhin der Meinung, dass „Friede ein höheres Gut als Gerechtigkeit“ ist. Das schließt aber nicht aus, sich intensiv mit den Fehlern der Vergangenheit zu beschäftigen, damit diese nicht wiederholt werden- da bin ich ganz bei Ihnen. Bin nur der Meinung, dass man keine Energien oder andere Ressourcen, die man zur Bewältigung der zukünftigen Aufgaben braucht, in „Vergeltung und Rechthaberei“ stecken sollte.

  2. Jetzt kommen die Ratten aus den Löchern und greifen noch etwas Geld ab – mit denselben Lügen, die jüngst von einer Anwaltskanzlei im Auftrag des Vereins widerlegt wurden,

    In einem Punkt gebe ich dem Artikel recht: Vergangenheitsbewältigung ist wichtig. So lange man nicht erkennen will, dass in der Ära Kuntz vieles richtig gemacht wurde und danach der Verein in kurzer Zeit vollständig ruiniert wurde, ja, so lange muss einem auch um die Zukunft des Vereins Angst und Bange sein. Durch eine völlig verfehlte Finanzpolitik und ein „Defizit and Durchblick“ im sportlichen Kerngeschäft – angeführt vom völlig überforderten Coca-Cola Manager, hat sich der Verein in nur zwei Jahren vom Aufstiegsanwärter zum insolvenzbedrohten Drittligisten entwickelt.

    Ich hoffe, die Herren Journalisten und Buchautoren, die mit ihren völlig unbelegbaren Behauptungen keine Ruhe hatten, bis Kuntz entnervt das Handtuch warf, klopfen sich jetzt freudig auf die Schulter.

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