Extrablog: Der Neustart ist notwendig, der Blick in die Vergangenheit ebenso – Eindrücke aus der Podiumsdiskussion zu „Betze Leaks“

Jetzt kommt auch noch Florian Dick zurück. Wie sich der 1. FC Kaiserslautern auf den bitteren Gang in die Dritte Liga vorbereitet, macht wirklich Laune, wie die Fanbasis seit Wochen die „Aufbruchsstimmung“ erzeugt, die vor zwei Jahren noch „von oben“ angeordnet wurde und niemals zündete, noch mehr. Dennoch hilft es nichts: Vor dem Start in die Zukunft darf der Blick in die Vergangenheit nicht verschlossen werden, sei es nur, um „das Buch endlich zuzumachen“. Die Buch-Metapher hat nunmehr konkret Gestalt genommen, in Form von „Betze-Leaks“, der Dokumentation von Andreas Erb, die wir bereits vorgestellt und empfohlen haben. Gestern diskutierten in der Kaiserslauterer Thalia-Buchhandlung Dieter Buchholz, Sponsor und früherer Aufsichtsratsvorsitzender des FCK, Ehrenratsmitglied Klaus Becker sowie FAZ-Redakteur Michael Ashelm mit dem Autor. Dabei traten einige weitere Details aus der jüngeren Vereinsgeschichte zutage, die einfach nicht unaufgeschrieben bleiben dürfen.

Insbesondere Dieter Buchholz, der schon seit den 1990er Jahren das Klubgeschehen hautnah miterlebt, rückte einige oft anders kolportierte Sachverhalte in ein neues Licht. So sei die Bewerbung als WM-Standort seinerzeit eben kein unverantwortliches Vabanque-Spiel der Vereinsführung gewesen, sondern im Grunde ein kluger Schachzug: Im bestehenden Fritz Walter-Stadion hätten sich Modernisierungskosten abgezeichnet, die den Verein nicht minder existenzbedrohend belastet hätten.

Entscheidend verzockt hätte sich die damalige Vereinsführung allerdings, als sie drauf drängte, selbst als Bauträger für den Ausbau zum WM-Stadion aufzutreten – und nicht etwa Stadt und/oder Land, wie das an anderen Standorten üblich gewesen sei. Dadurch habe man sich die europaweite Ausschreibung ersparen wollen. Damit aber band sich der Verein die Mehrkosten von über 20 Millionen Mark ans Bein, die das Projekt schließlich verschlang.

BUCHHOLZ: JÄGGIS STEUERVERGLEICH WAR ALTERNATIVLOS

Überraschend positiv wertete Buchholz die Arbeit des Friedrich/Wieschemann-Nachfolgers René C. Jäggi. Seine Entscheidung, unter anderem FCK-Ikone Hans-Peter Briegel wegen möglicher Verfehlungen bei Vertragsgestaltungen in seiner Zeit als Sportdirektor anzuzeigen, sei nach einem Beschluss der Mitgliederversammlung nichts anders treffen zu gewesen, selbst wenn sie zu nichts führte, was nicht zuletzt den Briegel-Freund Buchholz freute.

Zu dem 8,7 Millionen Euro-Vergleich mit Finanzamt, der Jäggi bis heute ebenfalls vorgehalten wird, habe Jäggi ebenfalls keine Alternative gehabt, auch wenn später gerichtlich anerkannt wurde, dass ein darin enthaltener Betrag von etwa vier Millionen Euro, der aus der Verpflichtung des französischen Weltstars Youri Djorkaeff resultierte, eben keine Steuerhinterziehung darstellte, sondern korrekt gebucht war. Buchholz: „Bei einem solchen Vergleich kannst du einen einzelnen Posten nicht einfach herausnehmen, das weiß ich als Unternehmer nun einmal sehr gut.“

DOCH WAS IST MIT DEM STADIONPACHTVERTRAG? DER BLEIBT EIN KREBSGESCHWÜR

Allerdings ging Buchholz nicht darauf ein, inwieweit Jäggi für den ersten Pachtvertrag verantwortlich zu machen ist, den der FCK nach dem Stadionverkauf mit der Stadt schloss. Dieser enthielt keinerlei Modalitäten für den Fall eines Abstiegs des FCK, so dass bis heute jedes Jahr ein Betrag von 3,2 Millionen Euro pro Jahr im Raum steht, wenn über Mietreduzierungen et cetera diskutiert wird. Ein ungeheuerliches Versäumnis, das sich für Stadt wie für Verein auch noch in der weiteren Zukunft als wucherndes Krebsgeschwür auswirken wird – dies stellt „Betze Leaks“ ebenfalls sehr detailliert dar.

Die diesem Pachtvertrag nachfolgenden Konstrukte des Finanzvorstands Fritz Grünewalt, die diese Belastung in einer für Zweitligaverhältnisse angemessenen Form beherrschbar machen sollten, hätten nur funktioniert, wenn sie von einem anhaltenden sportlichen Erfolg des FCK begleitet worden wären. Im umgekehrten Fall aber konnten sie die Misere nur verschlimmern.

Wie Kuntz/Grünewalt die wahre wirtschaftliche Situation den Vereinsmitgliedern fortgesetzt verschleierten, wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion natürlich ebenfalls behandelt, ist aber in Erbs Buch ausführlich nachzulesen.

BUCHHOLZ: AUFSICHTSRAT HAT NUR ZUGESEHEN

 Vor allem kritisierte Buchholz, dass einzelne Aufsichtsratsmitglieder diesem Treiben wider besseren Wissen zusahen, weil Kuntz immer wieder drohte zurückzutreten, falls sie ihm die Unterstützung versagten. Andere schieden aus diesem Gremium aus eben diesen Gründen aus, wie er selbst, aber auch Hartmut Emrich und Martin Sester. Die Kuntz/Grünewalt-Erklärung anlässlich der Präsentation der „Betze-Anleihe“, der Verein sei nun schuldenfrei, stelle für ihn sogar Anlagebetrug dar, so Buchholz.

Die Frage bleibt: Wie geht man den damals Verantwortlichen nun um? Dazu steuerte ein Publikumsbeitrag des FCK-Mitglieds und versierten Vereinschronisten Dominic Bold den besten Gedanken bei: Auch wenn Erbs Enthüllungen zuträfen, bringe es nichts, ewig darauf herumzureiten, sondern schade nur dem Image des Vereins – der Versuch, die Verantwortlichen auf finanzielle Entschädigung zu verklagen, führe ohnehin zu nichts.

 Will sagen: So wichtig es ist, sich mit den Inhalten von „Betze-Leaks“ vertraut zu machen und seinen Autoren eben nicht als „Nestbeschmutzer“ zu brandmarken – so wichtig ist es auch, das Buch dann irgendwann zuzumachen und nach vorne zu schauen. Dem schließen wir uns hiermit an.

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