Extrablog: „Huth hat alles, und Bergmann ist ein Juwel“ – Im Gespräch mit dem Erfurter Blogger Fedor Freytag

Der 1. FC Kaiserslautern formiert gegenwärtig seinen Personalstamm für seine erste Saison in der Dritten Liga. Dabei setzt er auch auf Spieler, die in der Klasse bereits Erfahrung gesammelt haben. Zwei Mal schon sind die Pfälzer in Thüringen fündig geworden. Mit Elias Huth, 21, und Theodor Bergmann, 21, verpflichtete der FCK zwei Profis, die zuletzt bei Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag standen. RWE musste gegen Ende der abgelaufenen Spielzeit Insolvenz anmelden – ein Schicksal, das hellhörig machen sollte, erst recht Anhänger eines finanziell klammen Vereins, der die sogenannte „Pleiteliga“ als Neuling betritt. Ein guter Anlass, sich mal unter aufmerksamen RWE-Beobachtern umzuhören. Fedor Freytag ist die treibende Feder des exzellent geschriebenen, derzeit aber brachliegenden Blogs stellungsfehler.de . Im Gespräch überzeugt der 56-jährige Informatiker nicht nur durch fußballerische Kompetenz, sondern sorgt auch für humoristische Kurzweil.

Fedor, welche Beziehung hast Du zum Fußball?

Sagen wir so: Meine Frau hat ihren eigenen Fernseher. Ich liebe Fußball, habe früher selbst viel gespielt. Mein erstes großes Fußballtrauma war das Ausscheiden der deutschen Mannschaft im Halbfinale 1970 gegen Italien. Ich werde den Schock nie vergessen, als mir meine Mutter nach dem Aufwachen von der nächtlichen Niederlage im damals unerreichbaren Mexiko berichtete. Ich: „Selbst wenn wir gegen Uruguay 11:0 gewinnen, können wir nicht mehr Weltmeister werden?“ Meine Mutter, FIFA-regelfest: „Nein.“ Sie sagte später einmal, dass es ihr vorkam, als müsse sie eine Todesnachricht überbringen. So ist meine Beziehung zum Fußball. 

Wie bist du RWE-Fan geworden?

Schon als kleiner Junge hat mich mein Vater mit zu Rot-Weiß Erfurt genommen. Klingt so klassisch, dass es schon kitschig ist. Wenn es nicht wahr wäre. Meine erste Erinnerung an ein konkretes Spiel ist von 1973: Wir gewannen, bereits so gut wie abgestiegen, mit 4:2 gegen den designierten DDR-Meister Dynamo Dresden. Jenes Dynamo Dresden, das vier Monate später den FC Bayern München am Rande des Ausscheidens im Cup der Landesmeister hatte. Es regnete in Strömen, wir standen in der Südkurve, der große Rüdiger Schnuphase schoss drei Tore. Niemand konnte glauben, was er da sah. Der Fassungslosigkeit folgte die Ekstase. Es war das bis dahin aufregendste Ereignis meines Lebens. Durch den ersten Auswärtssieg der Saison, am letzten Spieltag bei Chemie Leipzig, blieben wir in der Oberliga. 

Seit wann bloggst du?

Seit 2011. Derzeit nur sporadisch. Okay, sehr sporadisch. Was aber nicht so bleiben muss. Dafür bin ich auf Twitter unter @FedorFreitag recht rege.

Elias Huth, die Neuverpflichtung des FCK, hast Du in Erfurt ja nur eine Saison lang verfolgt, da er lediglich aus Hannover geliehen war. Welchen Eindruck hat er auf dich gemacht?

Er hatte es am Anfang schwer, da der damalige Trainer Stefan Krämer nur mit einem Mittelstürmer spielte – und diese Position zu Saisonbeginn fest mit Carsten Kammlott besetzt war –, blieb für ihn nur die Rolle als Reservist. Er bekam allerdings bei jedem Spiel seine Einsätze. Unter David Bergner und Stefan Emmerling später war Huth dann durchweg Stammspieler. Sicher auch,  weil Kammlott bis zum Saisonende ausfiel. Ich selbst hatte keine großen Erwartungen an Huth. Man darf bei der Bewertung ja nicht vergessen, dass er als neuer Spieler, der zudem aus der Regionalliga kam, über weite Strecken der Saison in einer dysfunktionalen Mannschaft spielte. Daran gemessen, hat er eine sehr respektable Saison gespielt.

Was für ein Stürmertyp ist Huth?

Elias Huth hat alles, was Trainer von Stürmern heute verlangen. Er setzt sehr diszipliniert Vorgaben um. Er arbeitet nach hinten, beteiligt sich an jeder Pressingform, die der Spielplan vorgibt. Auf die Außenpositionen ist er hier eher nicht so häufig ausgewichen, was wohl den taktischen Vorgaben entsprach. Allerdings ist er auch kein ausgesprochener Dribbler ist. Er ist schon eher ein Strafraumstürmer – kein Kruse oder Raffael. Aber ein Strafraumstürmer modernen Typs. Huth ist ein guter Junge, berechenbar in seinen keineswegs geringen Fähigkeiten, jedoch keine Naturgewalt.

Lauterns Sportdirektor Boris Notzon sieht Huth als den beweglichen Stürmer neben einem „Wandspieler.“ Als solcher wird er Osawe ersetzen, der vergangene Saison der schnellste Spieler der Zweiten Liga war. Wie ist es denn um die Sprinterqualitäten Huths bestellt? 

Ich würde sagen, er ist hinreichend schnell. Allerdings niemand, der mit dem Ball am Fuß einem guten Drittliga-Innenverteidiger ohne Weiteres davonläuft.

Und wie viel „Luft nach oben“ hat Huth Deiner Einschätzung nach?

Das ist schwer zu sagen. Für mich hat er keine offensichtlichen Schwächen. Aber, abgesehen von seiner sehr guten Kopfballtechnik, auch keine herausragenden Stärken. Nach einer Saison in einer intakten Mannschaft kann man das sicher besser beurteilen. Ich würde keinesfalls ausschließen, dass er bei Euch 15 statt 7 Tore pro Saison erzielt. Um mehr von den Chancen zu vollenden, die er hatte, fehlte ihm hier womöglich auch das nötige Selbstvertrauen. Wo sollte das auch herkommen, bei einer Mannschaft die mit desaströsen 13 Punkten absteigt? 23 wären es übrigens ohne Punktabzüge gewesen.

Theodor Bergmann verfolgst du ja schon länger, wie hat er sich aus deiner Sicht entwickelt?

Jetzt kommt ein Satz, der Dir und Deinen Lesern gefallen wird: Theodor Bergmann ist ein Juwel. Er war in der vorvergangenen  Saison entscheidend daran beteiligt, dass wir nicht schon damals abstiegen. Im Umkehrschluss war seine lange Verletzung in dieser Saison ein zentraler Mosaikstein im großen sportlichen Katastrophengemälde namens FC Rot-Weiß Erfurt. 

Was für ein Typ Mittelfeldspieler ist er: Mehr Sechser, Achter oder Zehner?

Er kann all diese Positionen spielen. Als Sechser zumindest in einer Doppelsechs-Konstellation. Als einzigen Sechser innerhalb eines z.B. 4-1-4-1 sehe ich ihn weniger. Er wäre da auf Grund seiner offensiven Stärken auch ein bisschen deplatziert. Ich fand ihn hier auf der Acht am besten.

In der ARD-Mediathek ist ein Hammer-Freistoßtor von Bergmann zu sehen – liefert er solche Dinger regelmäßig ab?

Seine Freistöße aus zentraler, tornaher Position sind zweifelsfrei gut. Er wird noch mehr solche Tore erzielen. Aber er verfügt zudem über viel wichtigere Fähigkeiten.

Wie viel „Luft nach oben“ hat Bergmann Deiner Einschätzung nach?

Obwohl er schon jetzt richtig gut ist: sehr viel. Was bei der zukünftigen Entwicklung von Talenten wie Bergmann stets eine Rolle spielt, ist Klarheit in der Birne. Diesbezüglich denke ich, dass er alles mitbringt, um lange Jahre auf sehr hohem Niveau Profifußball zu betreiben. Er besitzt eine exquisite Spielintelligenz, antizipiert freie Räume und verfügt über die technischen Fähigkeiten, diese zu bespielen. In Folge trifft er bei der Spielentwicklung fast durchweg richtige Entscheidungen. Er wird weiter an sich arbeiten, routinierter werden. Das wird ihn zu einem noch besseren Fußballer machen. Alles mit der Einschränkung, dass er in Zukunft von langwierigen Verletzungen verschont bleibt. Dies wäre auch seiner Familie zu wünschen, denn bereits sein ebenso hochtalentierter Bruder (Innenverteidiger, Berufung in U20-Nationalmannschaft) wurde durch eine katastrophale Verletzung einer vermutlich sehr aussichtsreichen Karriere beraubt. 

Der FCK steigt in einer ohnehin schon finanziell angespannten Situation nun in die „Pleiteliga“ ab, da macht man sich schon Sorgen – und fragt mal nach: Wie hat sich die Insolvenz bei RWE angebahnt?

Lange. Sie war aus meiner Sicht unvermeidbar. Der Verein ist seit mehr als einem Jahrzehnt bilanziell überschuldet. Ein ebenso versierter wie fußballverrückter Insolvenzanwalt hat uns lange Jahre vor der Pleite bewahrt, weil er gleichzeitig unser Präsident war. Als Rolf Rombach im November 2017 ging, gehen musste, war es schnell vorbei. Was nicht heißt, dass es mit ihm wesentlich anders gelaufen wäre. Dieses Gemisch aus chronischer finanzieller Prekarität und sportlichem Niedergang konnte gar nicht anders als explodieren. Außer einem schwerreichen Philanthropen hätte uns am Ende niemand vor dem Ende retten können.

Hätte es aus Deiner Sicht eine Chance gegeben, längerfristig in der Dritten Liga zu überleben, und wenn ja, wie?

Eine halbwegs erschöpfende Antwort darauf würde Bände füllen. „Krieg und Frieden“ wäre ein Scheißdreck dagegen. In der Kurzform: Ja. Man hätte halt bereits vor langer Zeit anfangen müssen, gravierend mehr richtige als falsche Entscheidungen zu treffen. So, wie das in Magdeburg geschehen ist. Magdeburg beweist, dass es geht. Dazu bedarf es aber überragenden Sachverstandes auf allen Ebenen des Vereins. Daran mangelte es hier.

Wie geht es nach der Insolvenz nun für Euch weiter?

Stand heute sind deutlich mehr Fragen offen als beantwortet. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten. Wahrscheinlich werden wir im Resultat der Insolvenz schuldenfrei sein. Wahrscheinlich werden wir in der Regionalliga Nordost spielen. Wahrscheinlich mit einer Profimannschaft (und nicht mit Halbamateuren). Wahrscheinlich werden nicht allzu viele Spieler der jetzigen Mannschaft weiter für uns spielen. Wahrscheinlich wird Tomas Brdaric unser neuer Trainer. Wahrscheinlich wird der Etat nicht ausreichen, um in der Regionalliga um den – dieses eine Mal – direkten Aufstieg mitzuspielen. Und so weiter. Ich denke, dass sich der Verein Stück für Stück neu erfinden muss. Das wird allerdings kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Es hängt alles davon ab, ob Rot-Weiß Erfurt zukünftig kontinuierlich von begabten, seriösen, einem gewissen Arbeitsethos verpflichteten Könnern geführt und beaufsichtigt wird. Oder eben nicht. Bleibt es ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, versinken wir in der Bedeutungslosigkeit. Wie viele andere Vereine vor uns.

Der Nachwuchsbereich von RWE hat in den vergangenen Jahren einige Talente hervorgebracht, die gut im Profifußball unterkommen sind, Börner und Klewin beispielsweise. Kann die Jugendabteilung auch nach der Insolvenz in dieser Qualität weiterarbeiten – und so eine Basis für eine Rückkehr bilden?

Börner und Klewin sind in der Tat nur Beispiele. Dazu kommen: Bergmann (Kaiserslautern), Beck (Magdeburg), Möhwald (Nürnberg/Bremen), Göbel (Würzburg), Schnellhardt (Duisburg), Stolze und Nietfeld (beide Regensburg), Kraulich und Lauberbach (gehören dem jetzigen Kader an, sind hochtalentiert, werden wohl weggehen). Man kann nur hoffen, dass die Nachwuchsarbeit auf einem ähnlichen Niveau weitergeführt werden kann. Dazu bekennen sich die derzeit Handelnden. Aber auch im NLZ sind die personellen Verwerfungen unübersehbar. Insolvenz ist ein Arschloch.

Fedor, danke für das Gespräch alles Gute für Dich und RWE.

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