„Zeit? Haben wir nicht, denn diese Liga wartet nicht auf uns“ – Im Gespräch mit Michael Frontzeck, Teil I

Die Bedingungen für seine Einstellung waren ungewöhnlich. Michael Frontzeck übernahm den 1. FC Kaiserslautern am 1. Februar 2018 als abgeschlagener Tabellenletzter mit zwölf Punkten nach 19 Spielen – äußerst kurzfristig, nachdem Cheftrainer Jeff Strasser erkrankt war. Die Mission Klassenverbleib hat er am Ende nicht mehr geschafft, obwohl er in den von ihm verantworteten Spielen einen Punkteschnitt von 1,53 Zählern erreichte, was auf 34 Spiele hochgerechnet 52 Punkte gewesen wären. Erstaunlicher Weise hat auch der Anhang den Positivtrend anerkannt, so dass Frontzeck trotz des Abstiegs mit einem guten Standing in die erste Drittligasaison des FCK starten kann. Wie es ihm dabei geht und ob er sich wünscht, vielleicht mal länger bei einem Verein arbeiten zu können, als es ihm in seiner Karriere bislang vergönnt war, verrät er im I. Teil unseres Interviews.

Herr Frontzeck, kurz vor Beginn der Sommerpause sagten Sie in einem Interview auf fck.de, die Dritte Liga sei auch für Sie „Neuland“. Haben Sie sich dieses in den vergangenen Wochen nun ein wenig erschlossen?

Neuland ist die Dritte Liga ist für uns immer noch, und natürlich habe ich mir mittlerweile das ein oder andere Spiel angeschaut. Fremd ist uns allerdings nicht, was in der Dritten Liga gespielt wird. Der Unterschied zur Zweiten Liga ist nicht so eklatant wie zwischen Zweiter und Erster Liga. Und die nächste Saison wird besonders interessant, weil keine Zweiten Mannschaften von Bundesligisten mehr mitspielen. Dafür sind diesmal so viele Traditionsklubs wie nie am Start, nachdem nun auch 1860 München und Energie Cottbus hochgekommen sind. Das wird sehr interessant. Es sind 38 Spiele, und die werden uns einiges abverlangen.

Und wie sehen Sie den Verein für diese neue Herausforderung aufgestellt?

Unsere wichtigste Erkenntnis ist bislang: Keiner im Klub glaubt, dass dies ein Selbstläufer wird. Jeder will mit anpacken, jeder weiß, dass wir allein mit unserem großen Namen, den wir in diese Liga tragen, keine Punkte holen. Das wird verdammt harte Arbeit. Schauen Sie doch nur mal, wie schwer sich der Karlsruher SC vergangene Saison getan hat. Die sind schlecht gestartet, hinten raus dann aber richtig gut geworden und beinahe hätte es sogar noch mit dem Aufstieg geklappt.

Was sicher auch hilft, ist die positive Stimmung im Umfeld trotz des Abstiegs. Allein zum  Trainingsauftakt kamen 1500 Fans, die Leute scheinen sich regelrecht auf die Dritte Liga zu freuen. Inwieweit haben da die beiden Siege zum Saisonabschluss beigetragen, die die auseinander fallende Mannschaft noch holte, obwohl der Abstieg nach dem 32. Spieltag bereits besiegelt war?

Das rechne ich dieser Kader, dem ja auch einiges angelastet wird, in der Tat hoch an. Die Mannschaft bis zur letzten Sekunde versucht, positive Ergebnisse zu erzielen, und das hat sicherlich zu der positiven Grundstimmung, die wir jetzt erleben dürfen, beigetragen. Generell ist es aber schon recht gut gelaufen, seit ich im Februar kam. Wir haben noch 23 Punkte geholt, sind dann am Ende bei 35 Zählern rausgekommen. Wenn uns das einer zu Beginn meiner Amtszeit prophezeit hätte, hätten wir gesagt, na ja, mit ein bisschen Glück reicht das für den Klassenerhalt, zumindest für einen Relegationsplatz. Klappte aber nicht, weil auch die anderen exorbitant punkteten. Das hat es in der Zweiten Liga noch nie gegeben, dass du 41 Punkte brauchst, um drin zu bleiben. Aber Hätte, Wenn und Aber spielen jetzt keine Rolle mehr.

Sie haben eben den KSC angesprochen. Dass die so schwach in die Runde gestartet sind, lag ja auch daran, dass nach dem Abstieg erst einmal ein fast komplett neuer Kader formiert werden musste und die Mannschaft erst in der laufenden Runde ins Rollen kam… Dies hat in den vergangenen beiden Jahren auch dem FCK zu schaffen gemacht: Schwache Starts nach großen personellen Umbauten, die größtenteils erst während der Vorbereitung vollzogen wurden. Sie haben nun ebenfalls ein neues Team formieren, hatten aber zum Trainingsstart einen fast vollzähligen Kader zur Verfügung. Wie hoch schätzen Sie diesen Vorteil ein?

Das hat Vorteile, sicherlich. Erst recht, wenn Sie zum Vergleich Eintracht Braunschweig betrachten, die es erst am letzten Spieltag erwischt hat und die mit den Personalplanungen erst danach richtig beginnen konnten. Wir dagegen hatten nach 19 Spielen zwölf Punkte, da musst du dir schon Gedanken machen, wie es nach einem Abstieg weitergeht. Ich als Trainer konnte und durfte das zwar wegdrücken, aber Sportvorstand Martin Bader und Sportdirektor Boris Notzon haben sich sehr frühzeitig mit dem Thema auseinandergesetzt. Jetzt steht der Kader zu 99 Prozent. Wir haben ihn bewusst recht schmal gemacht, im Grunde sind es nur 20 Feldspieler, weil wir bewusst eine enge Verzahnung zu den U21- und U19-Teams anstreben, von denen immer drei, vier Spieler im engeren Fokus sind. Aber, ganz ehrlich: Am langen Ende interessiert das doch keinen. Da geht es nur darum, wie startest du, wie viele Punkte holst du. Sie werden von mir jedenfalls nicht den Satz hören, meine Mannschaft braucht noch Zeit. Wir haben keine Zeit, denn die Liga wartet nicht auf uns. Wir müssen durch dieses Stahlbad, und zwar gemeinsam.

Wenn man sich in ihre bisherigen Trainerstationen anschaut, hat die Zielsetzung für Sie da stets gelautet: zunächst mal den Abstieg vermeiden. Jetzt erwartet man von Ihnen, dass Sie einen FCK auf den Platz schicken, der vor allem zuhause dominant auftritt, auf Sieg spielt und in der Tabelle soweit oben wie möglich steht. Ist auch das für Sie eine neue Herausforderung?

Nein. Es ist doch egal, mit welcher Mannschaft du im bezahlten Fußball unterwegs ist: Die Ziele, die man sich setzt, sind immer schwierig zu erreichen. Der Anspruch, frühzeitig die Klasse halten zu wollen, kann andernorts unter Umständen noch viel schwerer zu erfüllen sein. Deswegen werde ich mich zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht hinstellen und sagen, wir wollen direkt wieder aufsteigen. Ich hab für mich zunächst einmal das Ziel, diese neue Mannschaft kennen zu lernen, dazu beizutragen, dass sich die Mannschaft auch untereinander kennenlernt, eine gute Vorbereitung hinzulegen, gut in die Runde zu starten, bis zur Winterpause ordentlich zu punkten – und dann werde ich vielleicht sagen, jetzt können wir es auch packen.

Sie haben eben den Faktor Zeit angesprochen. Statistisch betrachtet, ist ein Fußball-Profitrainer in Deutschland 1,2 Jahre im Amt…

Doch so lange? (lacht).

 Dabei weiß jeder, der das Geschäft ein bisschen intensiver verfolgt, dass ein Trainer eigentlich länger braucht, um eine eigene Handschrift sichtbar zu machen. Wenn man sich die aktuellen Toptrainer anschaut, stellt man fest: Die durften eigentlich mit ihren Teams fast alle auch mal Durststrecken überstehen, um in die Erfolgsspur zu kommen. Sie sind jetzt 54 Jahre alt und arbeiten seit 2006 als Cheftrainer, bekamen aber noch nie die Gelegenheit, mal eine Mannschaft über einen längeren Zeitraum zu entwickeln. Sehnen Sie sich nicht danach, diese Zeit mal zu bekommen?

Das ist ja eine fast schon philosophische Frage… Sehen Sie, ich hab schon als 16-jähriger mit den Profis trainiert, mit 18 meinen ersten Profivertrag unterschrieben, seitdem hat mich das Geschäft nicht mehr losgelassen. Mein erster Trainer bei Borussia Mönchengladbach war Jupp Heynckes. Der fing damals, in den 1980er Jahren, als Coach gerade an und alle fragten ihn: Jupp, wann hast du die Borussia wieder da, wo sie in den Siebzigern mal war, als du noch gespielt hast, ganz oben nämlich? Und Jupp antwortete: Gebt mir fünf Jahre. Das hat dann zwar nicht so ganz geklappt, aber immerhin: Keiner hat nachgehakt, geht’s nicht vielleicht auch vier Wochen früher? Das gibt es heute einfach nicht mehr. Wenn es nach spätestens fünf Monaten nicht in eine positive Richtung geht, wirst du zur Seite gedrückt, das musste sogar ein Carlo Ancelotti bei den Bayern erleben.

Es gibt Ausnahmen…

Ja, klar. Freiburg, wo ich ja auch mal zwei Jahre als Spieler war. Da hat ein Volker Finke über Jahre gewirkt, jetzt ein Christian Streich. Aber das ist eine Oase. Darum habe ich mich auch sehr für Sandro Schwarz gefreut, dass Mainz 05 vergangene Saison auch in der schwierigen Phase an ihm festgehalten hat. Weil ich weiß, dass das ein guter Typ und ein guter Trainer ist. Jetzt hat er die Möglichkeit, den nächsten Schritt zu machen.

Und? Würde sich nicht auch ein Michael Frontzeck mal freuen, so etwas erleben zu dürfen?

Als ich 2009 Cheftrainer bei meinem Heimatverein Borussia Mönchengladbach wurde, wurden wir in der darauffolgenden Saison Zwölfter. Mit einer neu zusammengestellten Mannschaft, nach zehn Jahren, in denen die Borussia zwei Mal abgestiegen war und sich auch sonst immer knapp an der Linie bewegte. Wenn ich heute meinen damaligen Sportchef Max Eberl treffe, reden wir immer noch gerne über diese Zeit: Wie wir davon sprachen, darauf aufzubauen, die Mannschaft zu stabilisieren, den nächsten Schritt zu machen. Aber was geschah dann? In der folgenden Saison brach mir ein Spielerblock über Monate weg, wir gerieten hinten rein – und ich musste gehen. Da ist mir klar geworden: Du bist im Fußball von so vielen Dingen abhängig, die kannst du als Trainer gar nicht alle beeinflussen. Deswegen mag ich auch keine Kollegen, die Erfolge stets für sich allein beanspruchen. Was soll ich mich jetzt also hinstellen und von einer großen Sehnsucht reden, irgendwo mal vier Jahre arbeiten zu können?

(Der II. Teil unseres Interviews erscheint am Donnerstag. Darin erklärt Michael Frontzeck, wie stabil er der Verein aufgestellt sieht, seine Ansicht zum Videobeweis, wen er in der kommenden Saison als stärkste Konkurrenten erachtet – und, dass im Fußball doch nicht so viel neu ist, wie oft getan wird.)

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