„So wirklich viel Neues wird im Fußball gar nicht mehr erfunden“ – Im Gespräch mit Michael Frontzeck, Teil II

Im „Neuland“ Dritte Liga will er sich mit einem schmaleren Kader bewegen, der eng mit U21 und U19 verzahnt ist. Eine „Sehnsucht“, mal länger in einem Klub arbeiten zu dürfen, verspüre er nicht, da Erfolg im Fußball von so vielen Dingen abhänge, die ein Trainer allein gar nicht beeinflussen könne… Dies und noch vieles mehr verriet Michael Frontzeck im ersten Teil unseres ausführlichen Interviews. Part II heute ist ebenso interessant: Der 54-jährige erklärt, wie stabil er den FCK aufgestellt sieht, seine Ansicht zum Videobeweis, wen er in der kommenden Saison als stärkste Konkurrenten erachtet – und, dass im Fußball doch nicht so viel neu ist, wie oft getan wird.

Wirklich gelebt wird sie in deutschen Profiklubs zwar kaum irgendwo, aber geredet wird überall davon, dass man in der sportlichen Leitung „Kontinuität“ anstrebt. Auch in Kaiserslautern, und das schon seit 20 Jahren. Sehen Sie den Klub an einem Punkt, an dem sie nun tatsächlich mal Einzug halten könnte?

Als ich im Februar in Kaiserslautern unterschrieb, haben mich viele angerufen und gefragt: Bist du wahnsinnig? Der Klub ist doch am Ende, sportlich wie wirtschaftlich. Allein die Tatsache, dass er jedes Jahr acht Millionen Euro für sein Stadion aufbringen muss, das allein zeigt doch, was da schiefgelaufen ist in den vergangenen 20 Jahren, das kann doch kein Zweitligist der Welt auf Dauer stemmen… Heute bin ich froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe, weil vieles sich mittlerweile anders darstellt. Die Ausgliederung ist jetzt beschlossen, und sie ist nahezu geschlossen von allen Vereinsmitgliedern mitgetragen worden. Auch der Aufsichtsratsrat macht auf mich einen geschlossenen Eindruck, und die Zusammenarbeit zwischen Sportvorstand Bader, Sportdirektor Notzon, dem Trainerteam und mir gestaltet sich richtig gut. Ich denke, Sie werden schon bald  wieder positive Geschichten über diesen Klub schreiben können.

Und Sie haben nicht das Gefühl, dass wieder alles auseinander bricht, wenn es mal ein paar Spiele nicht läuft?

Also, ich werde nicht zusammenbrechen, da können Sie sicher sein, da hab ich schon ganz andere Dinge erlebt. Natürlich wird sich auch mal zeigen müssen, wie wir zusammen durch schwierige Zeiten gehen.

 Was würde eine Mannschaft, die durch und durch von Frontzeck geprägt ist, denn für einen Fußball spielen? Sie kommen ja aus der Gladbacher Schule, damit assoziiert man schnelle Konter, Tempo, Vollgasfußball…

 Ja, ja, die großen Siebziger Jahre mit Netzer, Heynckes, Simonsen, ein einziges Offensivspektakel… Wissen Sie aber auch noch, dass dahinter auch eine Weltklasse-Abwehr stand, mit Leuten wie Vogts und Wittkamp und immer einem Toptorwart? Was ich damit sagen will: Es ist nicht nur ein Element, das eine Mannschaft prägt, alles zusammen muss stimmig sein. Mein Ideal ist es, weniger von Spielzügen oder von Laufverhalten zu erzählen. Ich möchte eine homogene Truppe auf dem Platz, die nicht nur guckt, was macht der Gegner, sondern die auch selbst ein Spiel gestalten kann. Sicher, wenn du eine Mannschaft mitten in der Saison übernimmst und im Abstiegskampf stehst, ist das ein spezielles Spiel, da bist du permanent darauf angewiesen, was du mit dem, was du zur Verfügung hast, anstellen kannst. In der kommenden Saison müssen wir uns nun daran gewöhnen, auch auf Gegner zu treffen, die keine große Lust haben, mit uns Fußball zu spielen. Das müssen wir Lösungen in engen Räumen finden. Da können wir Trainer sicher Dinge vorgeben, aber wir brauchen auch Spieler auf dem Platz, die selbstständig Entscheidungen treffen können.

Wenn Ihre jungen Kollegen über Fußball reden, klingt das irgendwie akademischer…

Ja, in der Tat. Unlängst sprach ein Kollege von einer „akzentuierten Körperlichkeit“ nach einem Spiel, in dem es lediglich etwas härter zur Sache gegangen war… Ich verrat Ihnen was: So wirklich viel Neues wird im Fußball gar nicht mehr erfunden, es werden lediglich nur immer neue Wortschöpfungen kreiert, damit sich’s interessanter anhört. Nehmen Sie zum Beispiel das WM-Auftaktspiel der Deutschen gegen Mexico. Nach seinem 1:0-Sieg wurde der mexikanische Trainer hinterher von den TV-Experten als Taktik-Guru hingestellt, dem weiß Gott was Neues eingefallen war. Dabei hat er die Deutschen lediglich kommen und seine Mannschaft die Räume nutzen lassen, die sie ihr gelassen haben.

Bei Gladbach früher nannte man das Kontern, heute heißt es „schnelles Umschaltspiel“…

… und das hat es vor 40 Jahren schon gegeben und wird es auch in 40 Jahren noch gegeben. Es heißt jetzt nur anders. Wobei ich ja verstehe, dass die jungen Kollegen sich  mal was einfallen lassen, was lediglich neu klingt. Natürlich ist das Spiel in den vergangenen Jahren noch enger und noch schneller geworden, natürlich gibt es immer mal die ein oder andere neue Idee, aber die Basics sind gleich geblieben, und daran wird sich auch nichts ändern.

Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass die elektronische Datenerhebung in den letzten Jahren viel verändert hat… 

Meinen Sie damit auch den Videobeweis? O ja, toll – wenn das Stadionpublikum jetzt fünf Minuten warten muss, bis es weiß, ob es über einen Treffer jubeln darf… Wenn uns noch zwei, drei solche Punkte einfallen, haben wir diesem Sport bald auch die letzten Emotionen genommen. Da braucht mir auch keiner damit zu kommen, dass der Fußball dadurch gerechter wird.

Ich meine nicht nur den Videobeweis. Auch in der Trainingsarbeit und in der Spielanalyse wird seit ein paar Jahren zusehends mehr mit elektronisch erfassten Daten gearbeitet. Ist auch Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren von dieser Entwicklung beeinflusst worden? Mit Boris Notzon arbeiten Sie ja jetzt mit einem Sportdirektor zusammen, der mit Datenanalysen großgeworden ist. Er hat in Köln das SportsLab aufgebaut.

Natürlich greifen auch wir auf immer weiter wachsende Datenbänke zu, beispielsweise beim Scouting. Ich nutze Analysedaten auch, um sie mit meinen persönlichen Eindrücken abzugleichen, etwa, wenn es um Sprints, intensive Läufe et cetera geht. Da gibt es eine Fülle von Daten, die durchaus interessant sind, und ich bin auch kein Freund davon zu sagen, alles, was neu ist, gefällt mir nicht. Man kann viel Positives herausziehen, aber man darf sie auch nicht zu wichtig nehmen. Das Wichtigste sind und bleiben die bereits angesprochenen Basics. Kraft, Spielform, Positionsspiele, Passtechnik, das arbeiten wir gerade durch.

Von welchen Trainern fühlen Sie sich denn am meisten beeinflusst?

Meine erster Trainer war Jupp Heynckes, und der erste Trainer ist wie die erste große Liebe, die vergisst man ja auch niemals. Ich war damals ja erst 18, aber ich glaube, ich habe viel von ihm aufgenommen, ohne dass es mir recht bewusst wurde. Mein letzter Trainer war Hans Meyer, das war auch der, der nach 18 Jahren als Profi zu mir kam und sagte, Junge, alles wird schneller, das einzige, was langsamer wird, bist du… Ich bin dann sein Co-Trainer geworden und auch das war eine gute Erfahrung. Meyer war ein erfahrener, gestandener Typ, der auch über den Tellerrand blicken konnte.

Sie waren als Spieler auch mal in England, bei Manchester City, heute einer der reichsten Klubs überhaupt. Ist dorthin noch irgendein Kontakt bestehen geblieben?

Nein, gar nicht. Das ist mittlerweile auch eine ganz andere Welt als die, die ich noch erlebt habe.

Zum Abschluss noch eine ganz erdige Frage: Wer wird dem FCK in der Dritten Liga am schwersten zusetzen?

Na, was der KFC Uerdingen da gerade zusammenstellt, ist schon sehr beeindruckend. Der SV Wehen Wiesbaden stand vergangenes Jahr nicht zufällig oben, ebenso wenig der KSC, die werden sicher wieder angreifen. Auch, was sich in Rostock und Cottbus gerade entwickelt, ist hochinteressant. Also für mich gibt’s da keinen Topfavoriten. Obwohl mir natürlich klar ist, wen die anderen zum Favoriten stempeln werden. Für uns hat das jedoch nichts zu bedeuten. Auf jeden Fall wird die Liga nicht auf uns warten. Und es wird spannend, ganz sicher.

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