Lautern „Topfavorit?“ – Zerren wir mal ein wenig an der Euphoriebremse (Teil I) 

Der Kader steht so früh wie schon lange nicht mehr, die Zusammenstellung, insbesondere die Mischung aus Erfahrung und Talent, wirkt gelungen, auch die Testspielergebnisse stimmen – und jetzt kommt mit dem TSV 1860 München auch noch ein echter Kracher zum Saisonauftakt auf den Betzenberg. Die Weichen in eine bessere Zukunft des 1. FC Kaiserslautern scheinen also gestellt, wie es in der Pfalz nicht anders zu erwarten ist, kochen Emotionen und Erwartungen schon wieder recht hoch. Das Wort „Topfavorit“ in Zusammenhang mit dem FCK hat „Liga3-online“ schon benutzt, wenngleich noch mit  Fragezeichen versehen. Das werden viele andere, die sich in den nächsten Tagen an Saisonprognosen versuchen, vermutlich weglassen. Drum ist es Zeit, mal einen differenzierteren Blick auf den Personalstamm für 2018/19 zu werfen. Nicht, weil wir irgendjemandem die Vorfreude auf die erste Drittligasaison der Lauterer nehmen wollen – aber mal ein wenig auf die Euphoriebremse zu treten, noch ehe der erste Ball gespielt ist, hat noch nie geschadet.

Schauen wir uns zunächst mal die Personalien für die Torhüter-Positionen und den Abwehrreihe an. Im zweiten Teil, der kommenden Dienstag erscheint, widmen wir uns dann den Mittelfeldspielern und Stürmern.

Die Torhüter: Sievers zwischen starkem Talent und coolem Oldie

Jan-Ole Sievers hat zur neuen Saison vom nach Leipzig zurückgekehrten Marius Müller die Rückennummer „1“ übernommen. Viele werten das Zeichen, dass er nun als Stammkeeper vorgesehen ist. Tatsächlich?

Einige, die in der vergangenen Saison häufiger die U19 beobachtet haben, halten Lennart Grill für das größere Talent. Er präsentiert sich für seine 19 Jahre bereits erstaunlich athletisch, reaktionsstark und dominant im Strafraum. Sievers mag vier Jahre älter sein, maßgeblich mehr Erfahrung als Grill vermag er auf Profi-Niveau nicht vorzuweisen. Fünf Mal nur kam er bislang in der Ersten Mannschaft zum Einsatz.

In punkto Erfahrung freilich punktet der Dritte im Bunde stärker. Aus Würzburg hat der FCK Wolfgang Hesl geholt, der schon in Hamburg, Dresden und Bielefeld die Torwarthandschuhe überstreifte. Insgesamt 133 Einsätze in der Zweiten Liga, 19 in der Ersten, 13 in der Dritten. Und mit 32 ist Hesl in einem Alter, von dem manche sagen, dass Torhüter da erst richtig gut werden.

Wenn FCK-Trainer Michael Frontzeck also auf optimale Talentförderung setzen will, stellt er Grill zwischen die Pfosten, wenn er, gerade zum Start mit einer vollkommen neuformierten Mannschaft, Erfahrung bevorzugt, auf Hesl. Oder?

Vergangene Saison hat Patrick Drewes Hesl schon nach 13 Spieltagen von seinem Arbeitsplatz beim Drittligisten Würzburg verdrängt. Wahrscheinlich ist ihm beim FCK die Rolle des Nestors zugedacht, der im Training seine Erfahrung an seine jüngeren Mitbewerber weitergibt und sich an Spieltagen ohne Murren auf die Bank setzt, während der „Verlierer“ des Duells Sievers-Grill wenigstens in der U21 Spielpraxis sammelt.

Wir behaupten aber mal ganz frech: Solange er in der Testspielen und im Training gegen Grill nicht offenkundig den Kürzeren zieht, hat Sievers es einfach verdient, am ersten Spieltag zwischen den Pfosten zu stehen. 

Wie er nach dem Alptraum von Heidenheim in der vergangenen Saison, als er in der Schlusssekunde einen Flatter-Freistoß von Marc Schnatterer zum 2:3-Endstand ins eigene Netz faustete, zurückgekommen ist – das verdient Hochachtung. Drei Mal noch musste Sievers in der Rückrunde ran, einmal recht unvermittelt nach Müllers Platzverweis bei der 1:3-Heimspielniederlage gegen Düsseldorf. Jedes Mal glänzte er mit guten Paraden und Nervenstärke. Und mit 23 Jahren ist es für ihn nun höchste Zeit, sich als Nummer 1 zu beweisen. Die Chance sollte ihm der FCK, dank Gerry Ehrmann seit Jahrzehnten ein Fünf-Sterne-Kompetenzzentrum für Torwartentwicklung, nicht verwehren.

So ganz risiko-unbehaftet ist die Personalie allerdings nicht. Was, wenn’s gar nicht läuft?

Wer Marius Müller nach dem letzten Heimspiel in der Mixed Zone erlebt hat, weiß, wie unglücklich er zu RB Leipzig zurückging. Die Tür beim FCK sei für ihn noch nicht zu, betonte er. Darüber hinaus sind bei den Roten Bullen noch einige Torwartfragen für die kommende Spielzeit ungeklärt. Müller könnte als Nummer zwei hinter Peter Gulácsi vorgesehen, aber auch abgeschoben werden.

Und auch da orakeln wir mal ganz frech: Als Klub mit dauerhaften Champions League-Ambitionen wird Leipzig künftig auf Torhüter setzen, die auch fußballerisch mit ihren Vorderleuten interagieren können. Eben das zählt zu Müllers Schwächen. Sicher hat er das Potenzial, in vielen Teams die Nummer 1 zu werden, auch in der Ersten Liga – aber nicht in Leipzig. Früher oder später wird er wechseln. Ob noch einmal zum FCK? Das ist gerade auf der Torhüterposition immer auch davon abhängig, wie in den höheren Klassen Planstellen freiwerden.

Die Abwehrreihe: Stark durchgemischt – im Guten wie im Schlechten

Auf dem Papier stellt er den Transfercoup schlechthin im neuen Defensivverband des 1. FC Kaiserslautern dar: Kevin Kraus wechselt nach fünf Jahren beim Zweitligisten FC Heidenheim zum Drittligisten Kaiserslautern, ablösefrei, nach 97 Einsätzen in der Zweiten und 17 in der Dritten Liga, und das mit gerade mal 25 Jahren. Das sorgt für so viel Verblüffung, dass sich nahezu naturgemäß auch argwöhnische Stimmen zu Wort melden müssen: Wieso gibt einen Heidenheim so eine gewachsene Größe ab?

Die „Rheinpfalz“ zitierte unlängst eine im „kicker“ getätigte Äußerung des FCH-Vorstandsvorsitzenden Holger Sanwald, „manche Spieler“ hätten sich „verzockt“. Könnte das auf Kraus gemünzt gewesen sein? Wir wissen es nicht genau, denn andernorts haben Heidenheimer Funktionäre erklärt, dass ihnen die Trennung von Kraus „menschlich“ unheimlich schwer falle…

Drum versuchen wir uns lieber an einer sportlichen Erklärung: Heidenheim stellte in der vergangenen Saison mit 56 Gegentreffern gemeinsam mit Duisburg den schwächsten Defensivverband in der Liga, kassierte damit sogar noch ein Tor mehr als der Tabellenletzte Kaiserslautern. Da wollte der FCH im Kader wohl Freiräume schaffen für neues Personal. Das wiederum geht am kostengünstigsten, wenn man auslaufende Verträge nicht verlängert, und unter einer solchen Prämisse erwischt es eben auch mal einen verdienten Profi wie Kraus.

Dass Kraus das Zeug hat, beim FCK neuer Abwehrchef zu werden, soll hier nicht bestritten werden. Man sollte aber auch im Hinterkopf behalten: Vergangene Spielzeit war Kraus Teil einer Innenverteidigung, die schwächer war als die der Lauterer. Kraus musste sich allerdings erst wieder ins Team zurückkämpfen, nachdem er in der Saison 2016/17 schon nach acht Spieltagen wegen eines Kreuzbandrisses ausgefallen war.

Eine lange Verletzungsgeschichte hinter sich hat auch André Hainault, den der FCK aus Magdeburg holte. Vergangene Saison kehrte er erst am 28. Spieltag in dessen Innenverteidigung zurück. Anschließend gewann Magdeburg von zwölf Spielen elf und stieg auf  – doch, so liest sich die Bilanz eines Siegertypen.

Pikant: Über die Wochen, in denen die Magdeburger noch nicht wussten, wohin die Reise für sie gehen sollte, hielten sie sich mit einem neuen Vertragsangebot für Hainault zurück. So kamen die FCK-Unterhändler zum Zug und machten den Deal fix, bevor der Magdeburger Triumph komplett war. Und Aufstiegsheld Hainault muss nun in der Dritten Liga bleiben. Mit 32 Jahren dürfte er aber abgebrüht genug sein, um dies zu verschmerzen. 

Der Kanadier, der auch 44 Länderspiele bestritten hat, gilt als vielseitig verwendbarer Abwehrspieler, der sich auf Stellungsspiel versteht und sich auch in der Spieleröffnung ordentlich anstellt. Glaubt man verschiedenen Medienberichten, hat er im taktischen Konzept von Trainer Jens Härtel auch immer mal einen klassischen Libero gegeben – das ist normaler Weise nichts für Eisenfüße. Wichtig wird nun sein, ob Hainault sich in seinem fortgeschrittenen Alter die nötige Grundschnelligkeit noch eine Weile bewahren kann.

Hinter zwei so erfahrene Cracks passt am besten ein junger Mann, der idealer Weise nicht mehr ganz grün hinter den Ohren sein sollte. Denn angesichts 38 bevorstehender Spieltage plus zweier Pokalwettbewerbe wird auch der dritte Innenverteidiger ganz sicher auf eine ordentliche Zahl an Einsätzen kommen. 

Özgir Özdemir, aus Großaspach geholt, passt da hervorragend ins Profil. In der Jugend beim 1.FC Nürnberg ausgebildet, von woher ihn FCK-Sportvorstand Martin Bader noch kennt, hat der 23-jährige bereits 24 Einsätze in der Dritten Liga im Lebenslauf stehen. Zuvor kickte er für den SV Ried in Österreich. Özdemir gilt als kampf- und schussstark, weniger als Mann für den ersten Pass, doch ist er mit 23 auch noch nicht ganz am Ende seiner Entwicklung.

Was erst recht für den Vierten im Innenverteidiger-Bund gilt: den 20-jährigen Lukas Gottwalt, der den Sprung aus Lauterns U21 geschafft hat.

Über Florian Dick, der aus Bielefeld zurückgeholt wurde, müssen wir nicht viele Worte verlieren. Er hat vor seinem Gastspiel in Ostwestfalen schließlich sieben Jahre für den FCK gekickt, ist mittlerweile auch direkt wieder zum Mannschaftskapitän gewählt worden. Dass es ihm mit nunmehr 33 an Speed fehlt, dürfte den FCK-Verantwortlichen bei seiner erneuten Verpflichtung bewusst gewesen sein, aber sie bauen vermutlich weniger auf den Fußballer, sondern auf den Typen Dick: Einer, der auch dann noch vorne treibt, wenn sonst gar nichts mehr geht.

In Dominik Schad könnte ihm auf der rechten Abwehrseite allerdings eine stärkere Konkurrenz erwachsen, als viele es gegenwärtig für möglich halten. Der ehemalige Fürther fiel in den Testspielen bislang durch forschen Vorwärtsdrang auf – und er verfügt über die Geschwindigkeit, die Dick fehlt. Als ehemaliger U20-Nationalspieler muss Schad im Profigeschäft nun langsam durchstarten. In Fürth hatte er unter Trainer Janos Radoki den Sprung vorübergehend geschafft, unter dessen Nachfolger Damir Buric jedoch war er in der Versenkung verschwunden.

Radoki setzte ihn zudem auch als Linksverteidiger ein. Das macht Schad zum möglichen Backup für Janek Sternberg, den der FCK vom ungarischen Topklub Ferencváros Budapest holte, wo er nicht mehr zum Zug kam. Zuvor hatte Sternberg bereits 25 Bundesligaeinsätze für Werder Bremen bestritten.

So richtig in Schwung gekommen ist also auch die Karriere des ehemalien Juniorennationalspielers Sternberg noch nicht, der mit 25 Jahren vier Jahre älter ist als Schad. Vielleicht klappt’s ja nun, in den Testspielen bislang gefiel der linke Verteidiger jedenfalls mit Umschaltqualität und Schnelligkeit.

Hinter diesen drei Außenverteidigern stehen mit Mario Andric und Flavius Botiseriu lediglich zwei Youngster als Alternativen bereit. Im Testspiel gegen Arminia Ludwigshafen unlängst setzte Frontzeck auch U21-Neuzugang Julian Löschner auf der Rechtsverteidigerposition ein. Da scheint der FCK also ein wenig dünn besetzt.

Taktische Variationsmöglichkeiten: Geht auch Dreierkette?

Bei der aktuellen FIFA WM ist sie eigentlich gar nicht so populär – zu den wenigen, dafür aber umso rühmlicheren Beispielen zählen die Belgier. In der Ersten und Zweiten Liga Deutschlands war sie in der vergangenen Saison indes zeitweise häufiger in Gebrauch als die gute, alte Viererkette: Die Dreierkette, die nach dem Rückzug in die eigene Hälfte zur Fünferkette wird.

Bei Lautern haben Norbert Meier und Jeff Strasser schon mit ihr experimentiert. Was in der Defensive vorübergehend zu mehr Festigkeit führte, nach vorne aber entwickelten die Lauterer aus dieser Grundordnung heraus nicht viel Brauchbares. Jetzt aber steht aber eine komplett neue Abwehrbesetzung auf dem Feld. Ob die Dreierkette könnte?

Na ja. Hainault-Kraus-Özdemir, das könnte zeitweise mal gehen. Allerdings gäbe es mit Gottwalt dann nur noch eine Alternative. Sternberg hat vor Jahren, in der Zweiten Mannschaft des Hamburger SV, auch mal Innenverteidiger gespielt, ob ihm das heute noch läge, wissen wir nicht. Von den defensiven Mittelfeldspielern könnte am ehesten Gino Fechner in eine Dreierkette integriert werden.

Dreierkette ist also denkbar, wird wenn, dann aber wohl nur kurzfristig mal praktiziert werden.

In dem Zusammenhang wollen wir nochmal kurz Benjamin Kessel und Marcel Correia erwähnen. Dass die beiden keine Verträge für die Dritte Liga erhalten sollten, stand schon früh fest, obwohl sie durchaus andeuteten, gesprächsbereit zu sein. Sicher lief es in der vergangenen Saison nicht durchgehend rund für sie, aber für wen im Team tat es das schon? Gerade unter dem Gesichtspunkt der taktischen Flexibilität im Abwehrverband hätten sie interessante Perspektiven geboten, zudem sind sie Jungs aus der Region… Hatte man Correia tatsächlich als zu „verletzungsanfällig“ angesehen, nachdem er sich nach zwei Seuchenjahren endlich wieder berappelt hatte? Der starke Aufsteiger Regensburg, der Correia jetzt verpflichtete, hat da offenbar weniger Bedenken… Hat Kessel zu viel gefordert? Eher unwahrscheinlich, nachdem er nun beim Regionalligisten Saarbrücken gelandet ist. Gab es sonst irgendwelche atmosphärischen Störungen mit den beiden? Bevor wir uns hier in Spekulationen ergehen, sagen wir lieber ehrlich: Wir wissen es nicht. Sportlich betrachtet, ist es jedenfalls schade um die zwei.

Fazit: Einen „Topfavoriten“ erkennen wir (noch) nicht

Kommen wir zum Schluss: Ein Torwart, der sich noch beweisen muss, vier augenscheinlich mit Sinn und Verstand besetzte Innenverteidigerpositionen, während man mit nur drei Außenverteidigern etwas sparsam kalkuliert hat… Entscheidendes Manko ist für uns jedoch: Außer bei Sievers handelt es sich ausnahmlos um Neuzugänge – und alle kommen aus unterschiedlichen Vereinen, brauchen jetzt also erst einmal Wettkämpfe, um sich einspielen zu können. 

Das klappt nicht von heute auf morgen. Um Stabilität zu erreichen, wäre es zusätzlich wichtig, dass vor allem im ersten Saisondrittel wenig gewechselt wird. Ein, zwei verletzungsbedingte Ausfälle könnten sich da bereits eminent kontraproduktiv auswirken.

Eine alte Fußballweisheit besagt, dass die Offensive die Spiele gewinnt, die Defensive die Meisterschaft. Von daher vermögen nach der Betrachtung des Abwehrbandes keinen „Topfavoriten“ im neuen 1. FC Kaiserslautern auszumachen. Hoffentlich werden wir jetzt nicht als Schwarzmaler gebrandmarkt. Im zweiten Teil, in dem wir uns Mittelfeld und Angriff widmen, werden jedoch selbst wir unseren Optimismus nicht bremsen können. Versprochen.

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