Bücherblog: Wie Datenfreaks den Fußball revolutionieren – Christoph Biermanns „Matchplan – Die neue Fußballmatrix“

Also, einen Preis für sein neues Fußballbuch hat Christoph Biermann auf jeden Fall verdient, welchen auch immer: für die Kapitelüberschrift „Das Schicksal in der Unterhose“ nämlich. Neugieriger kann ein Titel ja wohl kaum machen. Umso erstaunlicher ist, dass die folgenden Seiten dann ein eher steriles Thema behandeln: das Konzept der „Expected Goals“, mit dem sich erarbeitete Torchancen qualitativ bewerten lassen. Denn das Unterhosen-Kapitel gehört zu Biermanns aktuellem Werk „Matchplan – Die neue Fußball-Matrix“, in dem der erfahrene Sportjournalist beschreibt, wie die elektronische Datenerhebung unseren Lieblingssport revolutioniert hat.

Das liest sich keinesfalls so dröge, wie es sich anhört, da Biermann, wie das Unterhosen-Beispiel zeigt, sich stets die menschliche Nähe zu den Typen bewahrt, die die Digitalisierung des Ballsports vorantreiben. Für Wegbegleiter des 1. FC Kaiserslautern bietet das Buch vor allem unter einem Gesichtspunkt Aufschlussreiches: Wie kann sich ein Verein durch den richtigen Umgang mit Computerdaten Vorteile verschaffen vor anderen Klubs, die einfach mehr Geld zur Verfügung zu haben?

KEINE NEUAUFLAGE, SONDERN VOLLKOMMEN NEUER STOFF

Bereits 2011 hat Biermann ein Buch mit dem Titel „Die Fußball-Matrix“ vorgelegt, drum soll gleich gesagt werden, dass das 2018er Werk keine überarbeitete Neuauflage oder dergleichen darstellt. Biermann wertet darin komplett neues Material aus, das er auf seinen zahlreichen Recherchereisen in den vergangenen Jahren gesammelt hat, etwa auch in seiner Eigenschaft als Mitglied der Chefredaktion von „11Freunde“.

Unter anderem führten ihn seine Wege in die USA, nach London, Island – und ins dänische Herning. Dort werden nicht nur – irgendwie bleiben wir dem Thema jetzt treu – die Unterhosen von Cristiano Ronaldo hergestellt, dort ist auch der FC Midtyjlland zuhause, der Fußballklub, der mehr mit mathematischen Modellen arbeitet als irgendeiner anderer Verein auf der Welt. Unter anderem hat der FC sein Scouting so raffiniert digitalisiert, dass er allein durch die Auswertung von Leistungsdaten in unterklassigen Ligen Spieler identifizieren kann, die zumindest nicht schlechter als englische Premier League-Profis der Mittelklasse – nur ungleich günstiger zu haben.

MIT ALGORITHMEN UNTERBEWERTETE SPIELER FINDEN

Klingt unglaublich? Midtyjlland hält in Dänemark schon seit Jahren mit den Hauptstadtklubs Bröndby und Kopenhagen mit, die über doppelt so hohe Budgets verfügen. 2015 wurde der Verein dänischer Meister. Ein Leistungsträger ist beispielsweise der Finne Tim Sparv, der einst für die SpVgg. Greuther Fürth kickte und auf dem Transfermarkt vollkommen unterbewertet war, wie die dänischen Algorithmen zu Tage förderten.

Zu den führenden Köpfen Midtjyllands zählt Matthew Benham, ein gelernter  Physiker, der im Fußball-Wettgeschäft groß wurde. Dort lernte er, aus den richtigen Daten mathematische Modelle zu formen, um zu verlässlichen Prognosen zu kommen. Beim englischen Zweitligaklub Brentfort sicherte Benham sich ebenfalls schon Mehrheitsanteile und nahm Einfluss auf die Personalpolitik – und auch dieser Klub verpflichtete plötzlich Spieler aus Tschechien, Spaniens zweiter Liga und Deutschlands dritter Liga, die sich gegen teurere britische Profis behaupteten.

HÖRT, HÖRT: FAST ALLE GUTEN IDEEN WERDEN IN KRISEN GEBOREN

Benham ist in Biermanns Buch öfter anzutreffen, ebenso wie der zweite starke Mann Midtjyllands: Rasmus Ankersen. Er gründete 2013 auf der britischen Insel „21st Club“, eine Berateragentur, die Premier League-Klubs in Sachen Strategie, Planung und Beratung betreut. Auch sie arbeitet stark, aber nicht ausschließlich datenbasiert, denn: „Es gibt derzeit viele Reizwörter wie Big Data oder Analytik, aber unserer Ansicht nach geht es viel mehr um Prinzipien bei der Entscheidungsfindung und um Strategien«, wird der Sportwissenschaftler Blake Wooster zitiert.

Unter anderem betrachtet sich 21st Club permanent Klubs, die „einen eigenen Dreh“ gefunden haben, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Und hat dabei festgestellt, dass viele gute Ideen in der Krise geboren wurde: »Fast alle haben damit angefangen, als ihnen das Geld ausgegangen war.“ Na, wenn das mal kein Ansporn ist für die neue Führungsmannschaft des FCK.

Auch bei Trainersuchen ist 21st Club seinen Mandanten behilflich, analysiert  etwa den Spielstil geeigneter Kandidaten oder deren Bereitschaft, auf junge Spieler zu setzen. Zudem sind die Analysten in der Lage, Übungsleiter zu identifizieren, die aus ihren Klubs mehr herausholen, als zu erwarten wäre.

NUR ATTACKIEREN, WO ES WICHTIG IST: DAS MYSTERIUM FAVRE

Mit Sicherheit ist ihnen dabei auch schon mal Lucien Favre aufgefallen, dem Biermann das vielleicht faszinierendste Kapitel seines Buchs widmet: Die Arbeit des Schweizers nämlich ist mit elektronischen Analysetools nur schwer zu fassen.

Den „Expected Goals“-Werten zufolge müssten Favres Teams stets weit  schlechter platziert sein, als sie es tatsächlich sind. Auch ihr sogenannter „Pressing-Index“ ist nicht sehr beeindruckend, da sie ihre Gegner auf weiten Flächen des Spielfelds nur zaghaft attackieren, und sie schießen auch nicht sehr oft aufs Tor. 

Fakt ist jedoch, dass Favre alle Mannschaften, die er in den vergangenen Jahren zuletzt betreut hat, in der Tabelle deutlich nach vorne brachte: Hertha BSC, Berlin, Borussia Mönchengladbach und OGC Nizza. In dieser Konstanz kann diese Bilanz also unmöglich „Zufall“ oder „einfach nur Glück“ sein. Was also dann? 

Das Geheimnis ergründet erst, wer in der Datenanalyse tiefer taucht: Favre  drillt seine Mannschaften so, dass sie den Gegner erst in den Zonen vor dem Tor blocken, wo es wirklich gefährlich wird. Und sie suchen fast nur aus Positionen den Abschluss, die Erfolg versprechen… Klingt banal, doch die Tabellen lügen nicht. Wird spannend sein zu sehen, wie es mit Favre nun bei Borussia Dortmund weitergeht.

DER SUPERSCOUT: DATEN SIND WICHTIG, ABER NICHT ALLES

Bei den Schwarzgelben scheint er auch deswegen gut aufgehoben, weil diese  datenaffinen Fußballfreunde schon öfter verblüfften. Etwa mit ihrer sensationell schwachen Hinrunde 2014/15, die sich sogar anhand von „Expected Goals“-Werten nicht anders erklären lässt als mit ungeheurem Pech.

Oder mit der Arbeit ihres Talentscouts Sven Mislintat, der in der Branche zur Legende wurde, als er einen Spieler in der zweiten japanischen Liga entdeckte und so begeistert von ihm war, dass er dessen Verpflichtung selbst gegen die Bedenken von Michael Zorc und Trainer Jürgen Klopp durchsetzte. Zwei Jahre später wechselte der für lau geholte Shinji Kagawa für eine Ablösesumme von 16 Millionen Euro zu Manchester United.

Mislintat arbeitet ebenfalls datenbasiert, kennt aber auch die Schwächen der Algorithmen, etwa, wenn es um die Beurteilung der sogenannten „Vormannorientierung“ geht, also der Fähigkeit eines Spielers, bereits auszuloten, was er mit dem Ball machen kann, noch bevor er angespielt wurde.

Die etwa erkannte er bei Julian Weigl, den die Borussia 2015 von 1860 München holte. „Vormannorientierungen“ können eben nur Menschen beurteilen. Diese müssen auch ein Gespür für den Spieler entwickeln, für seine Leidenschaft, vielleicht auch für seine Ängste: „Doch umgekehrt ist es absurd, heute nach Spielern zu suchen, ohne die Möglichkeiten der digitalen Vorsortierung zu nutzen“, so der Scout.

DAS GELD SCHLÄFT NICHT

Mislintat ist mittlerweile zu Arsenal London gewechselt. Dem Verein, der zwei Millionen Euro im Jahr für sogenannte „Highend-Daten“ ausgibt, um Spieler und Spiele zu analysieren. Und der wiederum geprägt ist von der Arbeit Arsène Wengers, der die sportlichen Geschicke der Gunners von 1996 bis 2018 leitete. Der Elsässer studierte in jungen Jahren übrigens Wirtschaftswissenschaften – womöglich rührt eine Datenaffinität also von daher.

Die eben genannte Summe weist aber auch bereits in die Richtung, in die das datenbasierte Betrachten des Fußballs führen wird. Im Moment noch sind Analysetools wie „Expected Goals“, „Packing“ oder „Dangerousity“, die Biermann allesamt besser zu erklären weiß als Mehmet Scholl, noch relativ leicht für alle verfügbar. Die nächsten Versionen jedoch werden sich die finanzstarken Vereine exklusiv erstellen lassen, um sich Wettbewerbsvorteile zu zu verschaffen.

THINGS TO COME: IN-GAME-COACHING MIT LIVE-DATEN

Und die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende. So lässt sich das Bereitstellen von „Live-Daten“ noch perfektionieren. So könnte ein Trainer noch während eines Spielers erfahren, ob sein linker Verteidiger sich zwei Meter zu weit rechts gegen den Ball verschiebt oder ob seine Siegwahrscheinlichkeit nur nur 28,4 Prozent beträgt, wenn seine Mannschaft nicht beginnt, bestimmte Räume besser zu kontrollieren… Elektronische Kommunikation am Spielfeldrand ist zumindest in Deutschland derzeit zwar noch verboten, doch wo eine Wille war, gab es schon immer auch einen Weg. Und wenn auch der dann eines nicht mehr allzu fernen Tages nur den Reichen offensteht, ist der Profifußball noch ein Stück ungerechter geworden.

Als klammer Drittligist sollte man sich also beeilen, wenn man die schöne neue Welt der „Big Data“ noch für sich nutzen will. Oder sich gleich in Ligen nach Talenten umschauen, die noch nicht elektronisch gescannt sind. Auch wenn es davon nicht mehr viele gibt.

P.S: Hat sich jetzt der ein oder andere während der Lektüre dieses Blogs tatsächlich und vielleicht sogar permanent gefragt, wie Biermann in seinem Kapitel über „Expected Goals“ eigentlich die Überschrift „Das Schicksal in der Unterhose“ herleitet? Okay, klären wir das noch kurz auf: Der Autor erwähnt auf diesen Seiten Gerrie Mühren, einen ehemaligen Spieler von Ajax Amsterdam, der sich der Legende zufolge bei Spielen stets die Unterbux seines Mannschaftskameraden Sjaak Swart über den Intimbereich streifte…

Tja, bei aller Datenhörigkeit lebt der Fußball eben immer noch gerade auch von solchen Anekdoten. Wobei eine Frage nun freilich offenbleibt: Was eigentlich trug Sjaak Swart unterm Trikot, nachdem er seinen Schlüpfer an Mühren weitergereicht hatte?

Kommentar verfassen