Erkenntnisse aus der Fußball-WM – und was frischgebackene Drittligisten davon mit nach Großaspach nehmen dürfen

Geschafft. Diese FIFA-WM ist überstanden. Nun dürfen wir uns voll und ganz der kleinen Fußballwelt zwischen Rostock und Haching widmen. Da gibt’s zwar keine CR7-Posen zu bestaunen und keiner skandiert „Liberté, Egalité, Mbappè“, dafür aber bleiben uns nervige Videobeweise erspart, die so ziemlich alles schaffen außer mehr Gerechtigkeit.

Gab‘s in der prominent überbesetzten Fußball-Operette der vergangenen vier Wochen auch was zu sehen, was sich eventuell auch beim Kampf um Punkte in Großaspach zur Anwendung bringen lässt?

Zunächst mal stellen wir fest: Unterm Strich ist guter Vereinsfußball mittlerweile höherwertiger anzusiedeln als dieses globale Ländermannschaftsgekicke mit Stars, die am Ende einer lang Klubsaison nur noch phasenweise auf volle Drehzahlen kommen. Sicher waren spätestens ab den K.O.-Runden auch spannende Spiele zu sehen, sicher gab es unterhaltsame Partien mit turbulenten Torfolgen, sicher waren da auch große Momente und geniale Spielzüge dabei, weil die Klassespieler, die da fraglos unterwegs sind, ihr Können halt dann und wann mal aufblitzen lassen. 

EINFACH NICHT MEHR HINGUCKEN, SONST ÄNDERT SICH NICHTS

Aber Barcelona, Bayern, Real oder Liverpool würden sich gegen die Nationalmannschaften, die sich da präsentiert haben, wohl ausnahmslos durchsetzen. Weil sie durch die tägliche Trainingsarbeit besser eingespielt und besser organisiert sind. Das ließe sie geschlossener auftreten, konzentrierter und energischer Ballverluste des Gegners erzwingen. Zudem sind internationale Klubteams stimmiger zusammengestellt, da ihren Kaderplanern die Welt offen steht und sie beim Fahnden nach Personal keine Nationalität als Filter in die Suchmaske eingeben müssen.

Sollte dieses WM-Spektakel nun tatsächlich des Mammons wegen noch künstlicher in die Länge gezogen werden, dann ist uns Konsumenten nur noch die Kraft zu wünschen, sich von diesem „Weltfest des Fußballs“, das schon lange mehr vorgibt zu sein als es ist,  endgültig abzuwenden. Nur so und nicht anders lassen sich die Veranstalter zu einer Turnierreform bewegen, die den sportlichen Wert über die Vermarktung stellt.

NICHT NEU, ABER SO AUGENFÄLLIG WIE NIE: STANDARDS ENTSCHEIDEN

Fußballerische Innovationen? Die sind nicht einmal den Erklärbären des Senders vom Mainzer Lerchenberg aufgefallen, wie sie in ihrem Abschlussgeplauder nach dem WM-Finale zugaben. „Standardsituationen werden immer wichtiger. Das wussten wir aber auch vorher schon“, resümierte etwa der „Wir brauchen Eier“-Olli.

So banal die Erkenntnis ist, man kommt nicht umhin, sie herauszustreichen: Sage und schreibe 44 Prozent aller Treffer fielen nach Eckbällen, Freistößen, Elfmetern und Einwürfen. Bei der WM 2014 waren es noch 28,7 Prozent. Auch in der Ersten Bundesliga hat sich der Anteil an Toren nach Standards in der vergangenen Saison von 30,1 auf 33,1 Prozent erhöht. Warum also soll sich der Trend auch in unterklassigen Profiligen bestätigen?

Schon in der vergangenen Saison haben wir festgestellt, dass unser aller Lieblingsverein nach Standards einfach zu viele Tore kassiert und zu wenig selbst schießt. Da sollte, da muss  angesetzt werden.

DAS „FREIBLOCKEN“ NACH ECKEN: KENNT NOCH JEMAND KJETIL REKDAL?

Den Vogel schossen die hochgelobten Engländer ab, die acht ihrer elf Turniertore nach ruhenden Bällen erzielten. Und zwei der Elfer, die sie verwandelten, wurden nach Eckbällen erzielt, auf die der Gegner mit einem Foul reagierte.

 Interessant vor allem die Freiblock-Technik, die die Briten vor der Eckball-Ausführung anwandten. Bei älteren FCK-Anhängern wird da vielleicht was im Oberstübchen rotiert haben: Vor über zehn Jahren hat ein gewisser Kjetil Rekdal in Lautern mal ähnliche Choreografien vor Eckbällen inszeniert, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Was allerdings nicht bedeuten muss, dass es heute nicht besser gemacht werden könnte.

IMMER WIEDER GERNE: DER TINNEF VOM BALLBESITZFUSSBALL 

Ansonsten: Von neuen Systemen oder anderen neuen Spielideen sei ebenfalls nichts zu sehen gewesen, konstatierte der „Immer weiter, immer weiter“-Olli weiter. Um anschließend wieder mal die These überzustrapazieren, die auch andere Erklärbären gerne anführten, insbesondere, um das Totalversagen der deutschen Nationalmannschaft zu durchleuchten: „Ballbesitzfußball ist überholt“. 

Seufz.

Auch der Tinnef war ja schon mal Thema dieses Blogs. Nochmal im Schnelldurchlauf: Ballbesitzbetontes Spiel als „Philosophie“ macht, wenn überhaupt, nur bei Mannschaften einen Sinn, die aufgrund ihrer überragenden Einzelspieler ihre Ligen ohnehin dominieren – und darüber hinaus vorzugsweise von einem gewissen Pep Guardiola trainiert werden.

Gleichwohl ist es unabdingbar für eine Mannschaft, die im Wettbewerb dauerhaft besser sein will als andere – und egal, ob sie in der Dritten oder der Ersten Liga oben angreifen will –, sich auch einmal durch schnelles, präzises Passspiel über acht, zehn oder zwölf Stationen in eine Torschussposition bringen und abschließen zu können. Und je mehr Bälle davon im Angriffsdrittel gespielt werden, desto erfolgversprechender ist der Spielzug. Ob die Statistik nach 90 Minuten dann 37 oder 67 Prozent Ballbesitz fürs Team ausweist, spielt dagegen überhaupt keine Rolle. Das ist nunmal so.

Das entscheidende Adjektiv in den vorangegangenen Wortkaskaden lautete übrigens „schnell“. Daran nämlich krankte es im deutschen Team hauptsächlich.

WARUM NICHT MAL EINFACH, WENN ES UMSTÄNDLICH NICHT GEHT

Und vielleicht auch daran, dass der Bundes-Jogi auch mal hätte ein wenig weniger „sophisticated“ denken können. Und es auch mal einfacher versuchen, wo Einfachheit angezeigt war.

Etwa, wenn man gegen einen Gegner spielt, der massiert hinten drin steht, offensichtlich aber in der Luft zu packen ist, weil seine Abwehrspieler weniger Körpergröße zu bieten haben als das eigene Personal. So wie Südkorea im letzten Gruppenspiel der Deutschen.

Warum da nicht mal mit Mario Gomez eine gute alte Mittelstürmerkante wie Mario Gomez bringen, spätestens in der Halbzeit, wenn nicht gar schon von Anfang an? Zumal zwei der drei Torgelegenheiten, die die Teutonen in diesem erbärmlichen Kick produzierten, nachweislich aus Kopfbällen resultierten.

DAS LEHRREICHSTE SPIEL DES TURNIERS: JAPAN GEGEN BELGIEN

Vielleicht hat Löw ja ein paar Tage später Japan gegen Belgien gesehen, das vielleicht lehrreichste Spiel des Turniers. Sicher, der Konter zum 3:2-Siegtreffer der Roten Teufel aus dem Frittenland entzückte nicht nur Deutschlands einzigen Rewe-Filialleiter mit Fußballlehrerlizenz. Allerdings dürfte es auch Holger Stanislawski nicht entgangen sein: Den heftigen 0:2-Rückstand, den die glänzend organisierten Japaner den Belgiern beigebracht hatten, glichen die Turbokicker aus, in dem sie die physische Unterlegenheit des Asiaten ausnutzten und ihnen zwei gänzlich schmucklose Kopfballtore reinrammten.

Überhaupt: Auch wenn sich die Belgier „Rote Teufel“ nennen, als Vorbilder des FCK für die nähere Zukunft taugten gerade in dieser Partie eher die Japaner. Wie geordnet sie sich über eine Stunde lang gegen den Ball verschoben – übrigens aus einer an sich banalen 4-4-2-Grundordnung heraus, wie sie auch Michael Frontzeck bevorzugt, und wie sie gegen einen körperlich wie technisch total überlegenen Gegner entnervten und eine 2:0-Führung herausschossen –  das war was für jedes Lehrbuch.

NUR KONTERN WOLLEN IST AUCH KEINE LÖSUNG 

Das Beispiel Belgien zeigte aber auch: „Schnelles Umschaltspiel“ taugt als durchgehendes Konzept oder „Philosophie“ genauso wenig wie „Ballbesitzfußball“, sondern muss situativ anwendet werden, wenn es angezeigt ist. Als die Franzosen im Viertelfinale den Belgiern durch konsequentes Zurückziehen den Raum zum Kontern nahmen, war für diese Schluss mit lustig. 

Die Versuche der Roten, sich mal über mehrere Stationen in den Strafraum der Blauen durchzupassen, schnell vor allem, waren zeitweise von geradezu deutscher Lahmarschigkeit.  Was jetzt natürlich ein sehr hartes Urteil ist. Allerdings ist es auch nicht sehr sportlich, den Franzosen hinterher „Anti-Fußball“ vorzuwerfen, weil sie sich nicht auskontern lassen wollten. Wer sowas sagt, sollte stante pede zu 50 Stunden Zweitligafußball verdonnert  werden.

DIE FRANZOSEN FANDEN DIE RICHTIGE BALANCE – UND WURDEN VERDIENT WELTMEISTER

Unterm Strich wurden die Franzosen am Ende verdient Weltmeister, auch wenn die Kroaten den besseren Fußball spielten. Denn die Blauen fanden eben die richtige Balance zwischen individueller Klasse und Kollektivität, die sie zudem mit einem gesunden Pragmatismus paarten, der das Spiel zwar nicht attraktiver macht, aber eben dazugehört.

Wie diese Balance auszusehen hat, dazu stellte der russische Trainer Stanislaw Tschertschessow im Interview mit dem „Spiegel“ eine interessante These auf: „Als Spie­ler muss man erst ein­mal zu 85 Pro­zent in die Mann­schaft pas­sen. Mit den rest­li­chen 15 Pro­zent kann man sei­ne in­di­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit ent­fal­ten. Wir brau­chen kei­ne Spie­ler, die ih­ren ei­ge­nen Fri­seur mit­brin­gen. Wenn der Di­ri­gent sagt, es soll Mo­zart ge­spielt wer­den, kann man als Gei­ger nicht Tschai­kow­sky spie­len.“

Das mit dem Friseur stimmt natürlich, über die Gewichtung von Individualität und kollektiver Unterordnung kann man freilich streiten. Tschertschessows Interpretation passt fraglos zum russischen Team, in dem jedes Zahnrädchen rotierte, als hätte Putin ihm im Falle einer Niederlage Sommerferien im Gulag versprochen. Und wer beim Weiterlesen dieses ergötzlichen Interviews registriert, wie Tschertschessow ausflippt, als er nach Doping in seinem Team gefragt wird, wird sich seinen Teil zu den außerordentlichen Laufleistungen der Gastgeber ohnehin denken.

GUTE KOLLEKTIVE BRAUCHEN GUTE DIRIGENTEN – UND KEINE ETHNISCHE EINHEIT

 Tatsächlich ist die individuelle Klasse in den Teams, die weiter gekommen sind als bis ins Viertelfinale, wohl schon höher anzusiedeln als bei 15 Prozent – wo genau, lassen wir jetzt mal offen. Gewonnen hat auf jeden Fall auch das beste Kollektiv mit dem besten Dirigenten. Einige unterstellen Weltmeistertrainer Didier Deschamps sogar, er habe seinen Kader nach dem „Grad der Folgsamkeit“ formiert. Glaubt man Sandro Wagner, hat das ja auch Jogi Löw getan, aber wer glaubt dem schon.

Schade nur, dass einige mittlerweile meinen, gute Kollektive ließen sich besser in ethnischen Einheiten formieren. Als müsse der Fußball unbedingt gewissen politischen Strömungen folgen. 

Sicher muss ein Özil nicht mit einem Erdogan posieren, und sicher muss ein Spieler im Trikot der schweizerischen Nationalmannschaft nicht mit den Händen das Wappentier Albaniens formen, wenn er einen Treffer erzielt hat. Wer aber nach einem sportlichen Misserfolg mit dem Finger auf diese Kicker zeigt und erklärt, man hätte besser auf sie verzichtet, ist selbst der größte Loser von allen. Erst recht, wenn er Funktionär ist.

Über die Hälfte der Spieler des Schweizer Nationalmannschaftskaders wiesen einen Migrationshintergrund auf. Glaubt irgendjemand, ausschließlich mit Kickern, deren Stammbaum bis zu Wilhelm Tell zurückreicht, wären die Eidgenossen bis ins Achtelfinale gekommen? Im Kader des Weltmeisters Frankreich waren 17 Spieler Einwandererkinder der zweiten Generation. Schon 1998 wurden die Blauen von einem algerischen Gastarbeiterspross zum Titel geführt.

DIE KROATEN: MAN DARF SIE AUCH MAL REIN SPORTLICH SEHEN

Sogar die ethnisch augenscheinlich „sauberste“ Truppe hatte ein schwarzes Schaf in ihren Reihen. Keeper Danijel Subašić ist Halbserbe, aber da er weltklasse hielt, hat sich da niemand dran gestört. So läuft das nunmal im Fußball.

Viel geschrieben worden ist auch über die politischen Gesinnungen und  Halbweltkontakte einiger kroatischer Spieler. Auch das muss in der Berichterstattung nicht weggelassen werden, doch darf eine Mannschaft im Rahmen einer WM auch mal ausschließlich sportlich betrachtet werden. Und da ist zu sagen, dass es große Freude gemacht hat, den Kroaten zuzusehen. Und die Schiedsrichterentscheidungen gegen sie im Finale waren eine Katastrophe.

Davon abgesehen: Kroatien ist eine noch sehr junge Nation, viele Spieler haben noch persönliche, schreckliche Erinnerungen an die einstigen Jugoslawienkriege. Das muss nicht entschuldigen, wenn im Überschwang eines Sieges in der Kabine nationalistischer Scheißdreck gegrölt wird – man darf aber auch mal zugestehen, dass dies ein anderes Land mit anderen Hintergründen ist als das der Gauweilers und Seehofers.

Auf dem Betzenberg jedenfalls waren schon Schweden und Tschechen erfolgreich, auch schon Sachsen – und sogar Saarländer. Das darf, das kann gerne so bleiben.

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