Ein Mann, zwei Legenden, zwei Herzen in der Brust – Im Gespräch mit Bernhard Winkler

Mit so wenigen Einsätzen ist wohl kaum jemals ein Spieler zur FCK-Legende geworden. Lediglich in 18 Pflichtspielen ist Bernhard Winkler zwischen 1990 und 1993 im Trikot des 1. FC Kaiserslautern aufgelaufen, vier Tore hat er in dieser Zeit erzielt. Aber: Zwei davon machte er in einem der legendärsten FCK-Spiele aller Zeiten, beim 6:2-Sieg am 15. Juni 1991 in Köln. Es war der 34. Spieltag und das alles entscheidende Spiel um die Deutsche Meisterschaft. Und es war die erste Partie überhaupt, in der Bernhard Winkler von Beginn an für den FCK auflief. Das bleibt natürlich haften, auch wenn der gebürtige Franke mit dem TSV 1860 München später noch inniger verwuchs. Am kommenden Samstag, 14 Uhr, treffen seine beiden Herzensvereine nun aufeinander. Auf dem Betzenberg, wie schon so oft, diesmal aber erstmals in der Dritten Liga, das hätte sich auch ein Bernhard Winkler vor ein paar Jahren noch niemals vorstellen können. Gute Gelegenheit, mit dem heute 52-jährigen ein wenig zu plaudern: Über Vergangenheit und  Gegenwart, aber auch über seine persönliche Zukunft. Denn im März 2018 endete seine berufliche Arbeit für 1860, nach insgesamt 15 Jahren als Spieler, Nachwuchs- und Assistenztrainer sowie Teammanager. 

Hallo, Herr Winkler, wie werden Sie am Samstag das Spiel verfolgen?

Ganz ehrlich: Ich werd’s wohl nur an irgendeinem Ticker verfolgen können. Zu mehr komm ich derzeit nicht. Im Moment steck ich ja auch nicht so arg drin. Aber live informieren werd ich mich, auf jeden Fall.

Wie sehen Sie Ihre beiden ehemaligen Mannschaften denn aufgestellt für die kommende Saison?

Also, der 1. FCK hat fast 20 Neuzugänge im Kader.  Das ist eine komplett neue Mannschaft, die sich erst einmal finden muss. Was die guten Testspiele bislang wert sind, wird sich nun erst zeigen. Gute Leute sind da aber dabei, ohne Frage. Und mit Martin Bader zeichnete jemand für die Kaderzusammenstellung  verantwortlich, der schon lange im Geschäft ist und sich sicher seine Gedanken gemacht hat. Auf jeden Fall gehört der FCK nicht in die Dritte Liga, ebenso wenig wie 1860 München.

Und die Sechziger?

Sie sind in den meisten Mannschaftsteilen mittlerweile gut eingespielt. Trainer Daniel Bierofka arbeitet ja bereits im dritten Jahr mit dem Team, da stimmen die Abläufe im Großen und Ganzen. Aber auch die Sechziger müssen acht Neuzugänge integrieren. Es wird auch da noch eine Weile dauern, bis die Mannschaft eingespielt ist. Daher denke ich, dass das Spiel am Samstag recht offen ist.

Kaiserslautern und Sechzig haben vieles gemeinsam, unter anderem, dass in beiden Umfeldern Euphorie schnell überkocht. Da wird schon vom Aufstieg gesprochen, noch bevor der erste Ball getreten ist.

Den sollte man unter diesen Voraussetzungen in der Tat erst einmal flachhalten. Für beide Mannschaften ist diese Liga neu, und sie ist sehr stark. Da gilt es zunächst, sich zu akklimatisieren, und da sollte man sich keine allzu hohen Ziele setzen. Im oberen Bereich dabei sein und guten und attraktiven Fußball bieten, das sollte fürs Erste der Anspruch sein.

Im September wird in Kaiserslautern die „Heimkehr der Helden“ gefeiert, mit den Deutschen Meistern von 1998 und einem Benefizspiel gegen eine topbesetzte Auswahlmannschaft. Wie oft sehen – und feiern – sich die 1991er Meister noch?

Wir waren ja vor zwei Jahren zum 25-jährigen auf dem Betzenberg, auch das war eine sehr gelungene Veranstaltung. Leider waren nicht allzu viele meiner ehemaligen Mitspieler anwesend, das war natürlich ein wenig schade. Mit dem ein oder anderen hat man halt immer mal zu tun, oder man telefoniert mal, insgesamt aber leben wir halt sehr über die Landkarte verstreut. Da ist es schwer, Kontakt zu halten. Ich persönlich freu mich über jedes Treffen, denn das war eine super Truppe damals und es hat sehr viel Freude gemacht, in der Pfalz zu spielen.

Wie oft denken Sie noch an den 15. Juni 1991?

Auf jeden Fall werde ich diesen Tag niemals vergessen. Es war das allererste Mal, dass ich von Anfang an spielte. Leider hab ich es auch später in Kaiserslautern niemals zum Stammspieler geschafft, sonst wäre ich wohl niemals dort weggegangen, denn meiner Frau und mir gefiel es extrem gut in der Pfalz. Aber als Fußballer willst du nun einmal am Wochenende auf dem Platz stehen. An diesem 15. Juni 1991 jedoch hab ich das erste und einzige Mal in meiner Karriere eine Deutsche Meisterschaft mitgewonnen, von daher bleibt dieser Tag bis in alle Ewigkeit in meiner Erinnerung.

Dieses 6:2 in Köln hat ja auch eine tolle Vorgeschichte. Am Wochenende zuvor hatte der FCK als Tabellenführer völlig überraschend zuhause 2:3 gegen Gladbach verloren, die Bayern waren wieder auf einen Punkt herangerückt, so dass der FCK in Köln gewinnen musste. Und Kalli Feldkamp wagte es, zum 34. und alles entscheidenden Spieltag die Mannschaft noch einmal total umzukrempeln. Dadurch rückten auch Sie in die Startelf – und machten zwei Tore. Können Sie sich noch erinnern, wie und wann Sie erfuhren, dass Sie auflaufen sollten?

Schon in den Trainingsspielen unter der Woche hatte mich Kalli Feldkamp ein paar Mal in der A-Elf spielen lassen, dies aber nicht weiter kommentiert. Ich dachte mir insgeheim nur: Mensch, der wird doch nicht… Gewissheit hatten wir aber erst, als er in der finalen Teambesprechung am Samstag vormittag sein Flipchart präsentierte: Bruno Labbadia und Demir Hotic waren draußen, ich war drinnen, Wahnsinn. Denn an den beiden gab’s eigentlich kein Vorbeikommen. Aber wie das Ergebnis zeigt, hat Kalli Feldkamp alles richtig gemacht.

So sind Sie mit Kalli Feldkamp Deutscher Meister geworden, viele Chancen hat er Ihnen aber nicht gegeben, weder davor noch danach. Wie war da Ihr Verhältnis zu ihm?

Einfach war das in der Tat nicht, aber respektiert habe ich ihn immer. Er hat viel verlangt, aber er war immer fair zu seinen Spielern. Er hat mir auch ehrlich gesagt, dass es sehr schwer für mich wäre, an Leuten wie Stefan Kuntz, Labbadia oder Hotic vorbeizukommen. Später, als ich bei 1860 München den Durchbruch geschafft hatte, habe ich ihn mal wiedergetroffen. Da kam er auf mich zu und sagte, dass er es ganz großartig fände, wie ich mich weiterentwickelt hätte, und dass ich sehr stolz auf mich sein könnte. Da war ich erst recht stolz.

Zu 1860 München sind Sie 1993 gewechselt. Da haben Sie dann Ihren Durchbruch als Torjäger geschafft, im schon recht fortgeschrittenen Alter von 26 Jahren. Sie haben eben Ihre Zeit zur Entwicklung gebraucht. Bekommen vor allem Stürmer generell zu wenig davon?

Also mein Werdegang war schon damals ungewöhnlich, und heute ließe er  sich wohl noch schwerer wiederholen. Ich hab mit 18 Jahren in der B-Klasse gespielt, mit 19 Jahren in der A-Klasse, mit 20 in der Bezirksliga, dann Bayernliga… Und mit 24 kam ich beim FCK in der Bundesliga an. Ich denke, heutzutage fällst du den Scouts früher auf, wenn du gewisse Qualitäten hast, dann kriegst auch schneller eine Chance. Allerdings ist das Angebot auch sehr groß. Daher musst du die Chance auch nutzen, wenn sie sich dir bietet.

Bei Sechzig sind Sie dann ebenfalls zur Legende geworden. 80 Treffer in 196 Partien, nur Vereinsikone Rudi Brunnenmeier hat mehr Tore für die Löwen erzielt. Anschließend waren Sie Assistenz- und Nachwuchstrainer sowie Teammanager bei Sechzig. Im März 2018 war Schluss, nach diversen Umstrukturierungen im Verein sei kein Platz mehr für Sie, hieß es. Sie haben das, wie nachzulesen ist, erhobenen Hauptes akzeptiert, sind gegangen, ohne in irgendeiner Form nachzutreten. Weh tat’s aber dennoch, oder?

Natürlich. Doch im Verein hatten sich die Machtverhältnisse geändert, das musste ich eben akzeptieren. Es nutzt nichts, sich an irgendwas festzuklammern,  wenn du andererseits spürst, dass du nicht mehr willkommen bist. Ich muss mit Leuten zusammenarbeiten, die gerne mit mir zusammenarbeiten, alles andere macht für beide Seiten keinen Sinn.

Sportlich scheint 1860 nach Jahren des Niedergangs endlich den Turnaround geschafft zu haben. Nach dem Absturz und einem Jahr in der Regionalliga ist der Aufstieg in der Dritte Liga geglückt, dort präsentiert man sich für die kommende Runde gut aufgestellt, auch dank weiterer Millionen des umstrittenen Investors Hassan Ismaik. Frieden herrscht im Umfeld jedoch immer noch nicht. Bei der jüngsten Mitgliederversammlung kandidierten Sie in einem „Team Profifußball“ für den Verwaltungsrat, konnten sich aber nicht die Fraktion von „Pro1860“ durchsetzen. Diese tritt sehr Ismaik-kritisch auf, Ihre Gruppe dagegen will weiter die Zusammenarbeit mit dem Jordanier suchen… 

So würde ich das nicht ausdrücken. Unser Team steht auf dem Standpunkt, dass wir einen Plan für die nächsten Jahre brauchen, wenn wir dauerhaft Profifußball bei 1860 München anbieten wollen. Wir sehen den Verein nicht nur als guten Drittligisten, sondern wollen perspektivisch weiter nach oben. Dafür brauchen wir eine sportliche Heimat und Einnahmen, die die Ausgaben übersteigen. Zurzeit haben wir aber ein Stadion, das nicht einmal  zweitligatauglich ist, das ist Fakt. Um weiterzukommen, müssen wir das Gespräch mit Investoren suchen, und gegenwärtig ist nun einmal Herr Ismaik unser größter Anteilseigner. Bei „Pro1860“ vermissen wir ein klares Konzept, daher haben wir uns zur Wahl gestellt. Die Mehrheit der anwesenden Vereinsmitglieder folgte uns jedoch nicht, das müssen wir nun akzeptieren – und schauen, wie es jetzt weitergeht.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Werden Sie bald wieder als Trainer arbeiten?

Ob als Trainer, weiß ich gegenwärtig noch nicht. Aber ich werde ab dem 1.9. auf jeden Fall wieder arbeiten. Derzeit prüfe ich noch einige Angebote. 

Sie haben sich auf Life Kinetik spezialisiert. Wir haben das auch schon mal privat in unserem Kleingruppentraining versucht, und ich muss zugeben: Als unser Coach das erste Mal von uns verlangte, bei bestimmten Koordinationsübungen auch noch Rechenaufgaben zu lösen, hielten wir ihn erst einmal für vollends übergeschnappt. Wie ist das, wenn man diese  Trainingsform Fußballprofis näherbringt?

(lacht) Na ja, am Anfang hört man auch da gelegentlich, was hat das denn jetzt mit Fußball zu tun? Spieler, mit denen ich länger trainiert habe, haben dann aber auch zugegeben, dass sie sich nun besser konzentrieren und im Spiel schneller die richtige Entscheidung treffen können. Es dauert eben eine Weile, bis eine neue Trainingsform im Fußball auf Akzeptanz stößt, zu meiner Zeit hieß es noch, wenn du besser werden willst, musst du mehr laufen… „Life Kinetik“ hat erst richtig an Akzeptanz gewonnen, nachdem bekannt wurde, dass Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund damit arbeitete. Zwei Meistertitel sind eben eine gute Referenz…

Nicht nur Jürgen Klopp. Auch Bruno Labbadia hat als Trainer des VfB Stuttgart bereits auf Life Kinetik“ gesetzt… Der Mann, an dessen Stelle Sie am 15. Juni 1991 in Köln aufgelaufen sind.

Ach ja? Wie gesagt: So langsam setzt Life Kinetik sich durch. Es ist ja auch kein pseudowissenschaftlicher Mumpitz, sondern klar erwiesen: Wenn ich trainiere, zwei Aufgaben gleichzeitig zu lösen, bilden sich im Gehirn neue Synapsen, dadurch erhöhen sich Reaktionsvermögen, Konzentration und Aufmerksamkeit.

Und Life Kinetik hat nicht nur im Leistungssport Zukunft. Gegenwärtig wird beispielsweise auch erforscht, was die Trainingsform in der Arbeit mit Alzheimer-Patienten bewirken kann. Es gäbe also viele Einsatzmöglichkeiten für Sie, auch außerhalb des Fußballs…

Natürlich, das habe ich ja auch schon gemacht, ich hab schon mit Fünfjährigen und ihren Omas gemeinsam trainiert und auch schon in größeren Unternehmen. Eines der Angebote, die ich gerade prüfe, bewegt sich auch in diese Richtung. Ich bin froh, dass ich mir nach meiner Karriere noch einiges neben dem Fußball angeeignet habe – und bin Gott sei Dank nicht darauf angewiesen, dass mich ein Fußballverein verpflichtet.

Herr Winkler, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft. Für wen Ihr Herz am Samstag stärker schlägt, werden wir als FCK’ler Sie jetzt nicht fragen. Dazu sind Sie mit Sechzig einfach schon zu lange und zu fest verbunden.

Danke.

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