„Da musst du allein durch“ – Im Gespräch mit Jan-Ole Sievers

Die Feuertaufe ist überstanden. Jan-Ole Sievers sechster Pflichteinsatz in der Ersten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern war sein erster als offizielle Nummer 1. Fürs Team hätte es beim 1:0 gegen den TSV 1860 München nicht besser laufen können – aber wie ist der neue Stammkeeper mit sich zufrieden? Das verrät der 23-jährige in unserem großen Interview. In dem er auch erklärt, warum  „Karriereplanung“ in einem Fußballerleben nur bedingt Sinn macht, und wie er die schwierigen Phasen seiner Laufbahn bislang gemeistert hat – seine lange Verletzung, aber auch seinen Fehlgriff beim 2:3 in Heidenheim im Dezember 2017.

Hallo, Ole, „Sport ist nicht immer gesund“, hat Euer Trainer Michael Frontzeck vergangene Woche in der Jahrespressekonferenz mal gesagt. Zurzeit trainiert Ihr bei teilweise tropischen Temperaturen. Wie kommt Ihr damit klar?

Wir fangen halt schon früh an, um 9.30 Uhr, spulen dann aber unser normales Pensum ab. Manchmal verkürzen wir einen Trainingsteil oder lassen ihn weg, aber „Hitze frei“ gibt’s nicht. Wir gehen hier ja nicht mehr zur Schule. 

Gegen den TSV 1860 München am Samstag, das war sozusagen dein erstes Spiel als offizielle Nummer 1. Geht man da anders rein als wenn man weiß, du stehst nur mal aushilfsweise zwischen den Pfosten? 

Grundlegend anders sicher nicht. Voll konzentriert sein musst du auch, wenn du nur für ein paar Minuten reinkommst, und im Training musst du immer Vollgas geben, sonst ist es bald wieder vorbei mit der offiziellen Nummer 1. Mental bereitest du dich aber schon ein bisschen anders vor, wenn du von vorneherein weißt, du spielst am Samstag.

Torhüter ist nun einmal eine sehr spezielle Position. Wohl deswegen hat dich der Trainer wohl auch schon lange vor dem Saisonstart zur neuen Nummer 1 erklärt, Feldspieler erleben so etwas eher selten bis gar nicht. Hat dir das geholfen?

Auf jeden Fall. Das war eine enorme Erleichterung, schon so früh zu erfahren, als Nummer 1 vorgesehen zu sein, und das gibt natürlich auch Selbstvertrauen. Stolz ist man natürlich auch, und man freut sich wahnsinnig aufs erste Spiel, vor allem, wenn es gleich gegen 1860 München geht.

Das Ergebnis hat ja am Ende gepasst, und von der Dramaturgie her war’s auch nicht zu toppen. Wie bist du mit dir selbst zufrieden?

Nun ja, ich hab ja nicht soo viel aufs Tor gekommen. Ich musste relativ viel mitspielen, hab ein paar Bälle abgelaufen und zwei, drei hohe abgefangen. Ich denke, das habe ich ganz gut gelöst. Bei einem Freistoß musste ich mal nachfassen, der Pfostenschuss war Glück, aber das braucht man eben auch.

Du bist jetzt mit 23 Jahren die Nummer 1 in einem Profiklub geworden. Bei einem Feldspieler, der es in diesem Alter in die Stammelf schafft, würde man sagen, das war allerhöchste Zeit, sonst wär er als Talent versauert. Bei Torhütern läuft das ein wenig anders. Bist du zufrieden mit deiner bisherigen Karriereplanung? 

Was heißt Karriereplanung? Natürlich hat man so etwas im Kopf, natürlich wär’s schön gewesen, wenn ich’s früher geschafft hätte, aber man weiß nie, was dazwischenkommt. Ich war 2015 fast ein ganzes  Jahr verletzt, damit war zunächst mal alles an Planung übern Haufen geworfen, da musst du dich erst einmal zurück kämpfen. Letztes Jahr, als ich die Nummer zwei, da hatte ich mir allerdings schon fest vorgenommen, in dieser Saison die Nummer 1 zu werden.

Die Gelenklippe an deiner Schulter war gerissen, du bist zwei Mal operiert worden, musstest eine Ewigkeit durch die Reha, und das ganz am Anfang deiner Karriere. Gab’s da auch Momente, wo du dachtest, vielleicht wird das doch nichts mit meinem großen Traum?

Nein, nie. Ganz am Anfang war’s natürlich hart, aber die Ärzte haben mir klar gesagt, es wird lange dauern, du wirst auch viele Schmerzen ertragen müssen, aber es kann wieder hundertprozentig gut werden. Und bald schon habe ich bei den vier, fünf Stunden Reha-Training am Tag gemerkt, dass ich Fortschritte mache. Da hat’s dann sogar angefangen, Spaß zu machen.

Hast du das Champions League-Finale Real Madrid gegen Liverpool gesehen? Was hast du gedacht, als du den Fehler von Lorius Karius gesehen hast?

Er tat mir in diesem Moment einfach nur leid. Als Torhüterkollege kannst du ja mitfühlen, wie es dir da geht. Du machst einen solchen Fehler, und die ganz Welt schaut zu. Schrecklich.

Hast du dich da auch an ein bestimmtes Spiel von dir erinnert gefühlt – Heidenheim, Dezember 2017, als du in der Schlusssekunde den Freistoß von Schnatterer ins eigene Netz abgefälscht hast?

Ja, natürlich. Aber was willst du machen? Es ist passiert. Das ist das Schicksal von uns Torhütern. Vierzig Meter weiter vorne im Feld kannst du dir einen solchen Fehler mal erlauben, als Keeper nicht.

Wie bist du danach mit diesem Erlebnis umgegangen?

Da musst du allein durch, da können dir andere nicht viel helfen. Natürlich ist das am Anfang schwierig, weil du weißt, jeder, der dir übern Weg läuft, denkt jetzt an dieses Ding. Aber irgendwann hab ich mir gesagt, lass das einfach nicht mehr an dich ran, sieh es dir nicht mehr an, denk nicht mehr dran – und mach einfach weiter.

Zu deinem nächsten Pflichtspieleinsatz bist du dann erneut sehr unvermittelt gekommen. Jahresauftakt gegen Düsseldorf, Müller fliegt vom Platz, du musst rein, fängst erst mal einen Elfer, hast anschließend aber noch zwei, drei richtig starke Szenen gehabt. War das gut, dass dir vor dem nächsten  Einsatz nach Heidenheim eigentlich gar keine Zeit zum Nachdenken hattest?

Ja, absolut. Du ziehst dich um, gehst rein, fängst einen Elfer und dann geht’s los. So läuft das eben… Du musst da einfach durch, anders geht’s nicht.

Macht Ihr Torhüter ein spezielles mentales Training intensiver als Feldspieler, autogenes Training vielleicht, um mit Eurer besonderen Belastung besser umgehen zu können?

Es ist schon eine besondere Situation. Als Torhüter kommst du manchmal 20 Minuten lang gar nicht an den Ball, dennoch musst du immer voll konzentriert bei der Sache sein und ein Fehler von dir kann ein ganzes Spiel entscheiden. Ein spezielles mentales Training machen wir aber nicht. Wir haben den Gerry (Ehrmann – die Red.), der viel mit uns redet und uns auch hilft, mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Gewissermaßen ist Gerry auch unser Mentaltrainer, einer von der guten, alten Schule halt.

Die Topklubs, die viele nationale und internationale Spiele absolvieren, splitten die Nummer 1 gelegentlich. Ein Keeper spielt in der Liga, der andere in den Pokalwettbewerben. Wie du als Torhüter das? Eine gute Lösung?

Für den Trainer schon, weil auf diese Weise stellt er sicher, dass beide eine gewisse Spielpraxis bekommen und einer immer gleich voll da ist, falls sich der andere mal verletzt. Als Torhüter bin ich mir nicht sicher, ob das für den, der in der Liga gut hält, so angenehm ist, wenn er dann in der Champions League nicht randarf, weil die ist doch das Größte, was es gibt. Ich jedenfalls würde immer spielen wollen.

Du bist schon als 16-jähriger für zwei Jahre nach England gegangen, zu den Bolton Wanderers. Wie hat sich das ergeben?

Ich hab beim Karlsruher SC in der U17 gespielt, kam im Sommer aus einem Korsika-Urlaub mit Freunden zurück – und da hat mein Vater mir erzählt, dass ich zu einem Probetraining nach England eingeladen sein. Da bin ich dann hin, direkt nach der Abschlussfeier auf meiner Realschule. In Bolton hab ich anschließend zwei Jahre bei einer Gastfamilie gelebt, die der Verein vermittelt hatte. Im ersten Jahr hat Bolton noch Premier League gespielt, mit dem ehemaligen Bremer Ivan Klasnic, da saßen wir Jugendspieler bei den Spielen immer auf der Tribüne. War schon auf ein  tolles Erlebnis.

Als junger Kerl im Ausland zwei Jahre auf sich selbst gestellt zu sein – war das auch eine Erfahrung, die dich in deiner Entwicklung weitergebracht hat?

Auf jeden Fall. Auch das war schwer am Anfang, denn dein Schulenglisch hilft dir nicht so viel weiter, bei den merkwürdigen Akzenten, die die Briten sprechen, verstehst du erst einmal nicht viel. Aber je länger du dort bist, desto besser kommst du zurecht. Und ich habe auch eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesstrainer absolviert, drei Mal die Woche ein College besucht.

Als Torwart bist du heutzutage ja auch zunehmend ein Torspieler, das heißt, auch deine fußballerischen Qualitäten sind gefragt, wenn du wirklich zu den guten gehören willst. Wie schätzt du dich da ein?

Ich denke, dass ich auch da an mir arbeite und mich weiter verbessere. Ich  hab am Ball eine gewisse Ruhe und muss nicht jeden nach vorne bolzen, kann kurz spielen, aber auch mal einen längeren Ball gezielt nach vorne spielen. Meine Abschläge kommen auch ganz gut, die trainieren wir auch mindestens einmal die Woche. Die ersten zwei, drei Jahre in der Jugend habe ich ja auch im Feld gespielt, im linken Mittelfeld.

Oliver Kahn hat mal gesagt, 50.000 eigene Fans im Stadion, die einen anfeuern, sind wunderschön, aber so richtig heiß macht es ihn erst, wenn alle gegen ihn sind. Wie siehst du das?

Ich kann ihn da schon verstehen. Das motiviert schon, wenn dich alle auspfeifen und du es ihnen zeigen kannst. Aber ich hab, ehrlich gesagt, lieber die Wand hinter mir.

Die Wand?

Die West. Und wenn du dann noch in der 86. Minute ein Spiel gewinnst – da geht einfach nichts drüber.

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