Die Gefühle haben Schweigepflicht – Ein 1:1, das klingt wie ein Lied von Andrea Berg

Das kann kein Zufall sein. Manche Fußballreporterphrasen klingen wie Andrea Berg-Songs. Man mag sie nicht wirklich, aber man kommt einfach nicht an ihnen vorbei, weil sie sich ins kollektive Bewusstsein genudelt haben. 1:1 spielte der 1. FC Kaiserslautern bei der SG Sonnenhof-Großaspach , dem Reich Ulrich Ferbers, der nicht nur Hauptsponsor der SGS, sondern auch der Angetraute des Schlagerstars ist. War dieses Remis „unnötig“ oder „vermeidbar“? Ja. Wär „mehr drin“ gewesen? Aber allemal. Hat es bewiesen, dass „die Dritte Liga für den FCK kein Selbstläufer wird“? Jetzt ist es aber langsam mal gut mit den Phrasen. Und war das Remis schlussendlich „leistungsgerecht“ oder „verdient“, wie etwa auch SGS-Innenverteidiger Korbinian Burger nach Schlusspfiff analysierte? Du kannst noch nicht mal richtig lügen.

Schenk mir einen Stern, diesen Andrea Berg-Hit singen die rund 6000 FCK-Anhänger zwar nicht, nachdem sie die 9.500 Menschen Mechatronik-Arena bis auf den letzten Platz gefüllt haben, dafür aber wünschen sie sich drei Punkte von ihrem Team. Die Lautrer, in der gleichen Besetzung angetreten wie beim 1:0-Startsieg gegen 1860 München, tun sich damit jedoch schwer. Gegen die Fünferkette, die die Gastgeber bei gegnerischem Ballbesitz formieren, aber auch  gegen die kleinen, wendigen Offensivspieler, auf die Ex-FCK’ler Sascha Hildmann setzt: Gegen Typen wie Joel Gerezgiher, Timo Röttger und Mike Owusu wirken die großgewachsenen Innenverteidiger Kevin Kraus und André Hainault bisweilen ein wenig hüftsteif.

STERNBERG RETTET UND MACHT LAUTERN ÜBER DIE LINKE SEITE STARK

 Mitte der ersten Hälfte lässt sich auch das defensiv ansonsten ordentlich arbeitende Mittelfeldduo Gino Fechner/Mads Albaek von flink attackierenden Aspachern sogar mal einen Ball zentral vor der Abwehr abpressen. Wir können nicht verlieren? O doch, wir können.

Nach zehn Minuten blockt Lauterns Linksverteidiger Janek Sternberg in höchster Not eine Owusu-Chance. Schon gegen Sechzig war der 25-jährige Aktivposten und Siegtorschütze, und auch in der Mechatronik-Arena mutiert er schnell zu den Besten. Mit Schnelligkeit und Vorwärtsdrang über die linke Seite bringt Sternberg den FCK langsam ins Spiel. Albaek demonstriert nach 16 Minuten seine Qualitäten im vertikalen Passspiel, findet Zentrumsstürmer Lukas Spalvis der auf Hendrick Zuck ablegt. Der zieht mit links ab, Kevin Broll pariert. Es soll Zucks beste Szene im ganzen Spiel bleiben.

Bin ich von allen guten Geistern verlassen? denkt FCK-Trainer Michael Frontzeck vermutlich in Minute 24. Burger darf viel zu unbedrängt einen langen Ball auf Lauterns rechte Abwehrseite schlagen, Röttger sich viel zu leichtfüßig vor Kraus den Ball erlaufen, Jan-Ole Sievers ist weder im Tor geblieben noch entschlossen  rausgelaufen, hat den Mittelweg gewählt, was immer gefährlich ist, erst recht, wenn ein Schlitzohr wie Röttger die Situation direkt erkennt und das Leder geradezu schwerelos über Sievers lupft. 1:0 für die SGS. Die Gefühle haben Schweigepflicht.

GROSSARTIGE FAN-REAKTION NACH DEM 0:1

Großartig aber die Reaktion der mitgereisten FCK-Fans, die sich sagen, davon geht die Welt nicht unter. Statt zu pfeifen, feuern sie den unglücklichen Sievers an, was diesen wiederum aufbaut: Ich sterbe nicht noch mal. Auch sein Team findet nun endlich zur nötigen Konzentration und konsequentem Flügelspiel, schnürt die Gastgeber nun ordentlich in der eigenen Hälfte ein. Die Mühen werden in der 39. Minute mit dem spielerischen Glanzlicht der Partie belohnt.

Julius Biada nimmt den Ball mit dem Rücken zum Tor an, dreht sich wunderbar frei, bewegt sich in die „Zone 14“, den zentralen Raum vor dem Sechzehner, von dem aus statistisch die meisten Tore aus dem Spiel heraus eingeleitet werden. Im Stil eines Klassezehners passt Biada exakt bemessen in den Laufweg von Spalvis, und da, wo ein Engel die Erde berührt, nimmt der Litauer den Ball mit, schiebt sich und ihn an Broll vorbei, sagt sich, ja, ich will, und vollstreckt.

Die Intensität dieser Viertelstunde erreicht der FCK in Hälfte zwei nicht mehr. Die hochsommerliche Temperaturen als Ursache fürs langsames Nachlassen anzuführen, wird normaler Weise zwar gerne als Ausrede verurteilt, darf angesichts dieser Witterung ausnahmsweise aber mal gelten.

Höhepunkt bleibt eine Szene in der 60. Minute, in der sich Christoph Hemlein und Spalvis zuvor vermutlich telepathisch verständigt haben, ebenfalls mit Hilfe zweier Liedzeilen Andrea Bergs: Und wenn ich geh? ruft Spalvis, an der Mittellinie lauernd, in Gedanken dem rechten Flügelspieler zu, worauf dieser antwortet: Wenn du gehst, werde ich lächeln. Darauf startet Spalvis wie ein Feuervogel, Hemlein schlägt ihm einen wunderschönen 40 Meter in den Lauf Spalvis nimmt ihn glänzend an, setzt aber den Körper gut ein, um sich in Schussposition zu bringen, scheitert aber an Broll. Schade.

In der 70. Minute kommen Florian Pick und Timmy Thiele für Zuck und Spalvis, kurz darauf noch Elias Huth für Biada. Picks Spiel ist fortan symptomatisch fürs FCK-Spiel der Schlussphase. Er bemüht sich, bietet sich auf beiden Seiten an, startet zunächst energisch zum Tor, doch das krönende Anspiel, der Doppelpass oder der Torschuss misslingen oder geraten zu unpräzise. Sternberg erzielt um ein Haar erneut mit einem Linksschuss den Siegtreffer, Hainaults Kopfballaufsetzer nach Florian Dick-Ecke streicht über die Latte. Auch sonst führt die Lautrer Überlegenheit zu nichts mehr.

Was bleibt? Zu hadern – oder gar von einem „Warnschuss“ zu reden? Das ist ungefähr genauso ätzend, wie sich all die Andrea Berg-Titel, die in diesen Text eingebaut sind, nun tatsächlich alle anzuhören.

Es war ein Spiel, wie in dieser Saison noch viele auf den FCK warten. Gegen einen Gegner, der auch im eigenen Stadion mit sich zufrieden ist, wenn er hinten dicht steht und den vermeintlich übermächtigen Gast ab und zu mit Kontern ärgern kann. Und der durchaus auch gewinnen kann, wenn er zu Treffern förmlich eingeladen wird.

Keine Frage: Mit zunehmender Dauer der Saison wird der FCK solche Spiele auch gewinnen müssen, wenn nicht nur Sternenträumer vom Aufstieg reden wollen. Dazu muss der Ball aber schneller und präziser laufen, als dass es an einem zweiten Spieltag mit einer neu zusammengestellten Truppe bereits der Fall sein kann.

Vor allem der Defensivverband muss sich noch besser einspielen, Oldie Dick und die beiden Innenverteidiger müssen noch zeigen, dass sie gegen flinke Gegenspieler auch am Boden klarkommen. Die Mittelfeldzentrale wirkt über weite Strecken schon recht stabil, hat aber ebenfalls noch Luft nach oben, und auf den Flügeln hat nur Sternberg in beiden Pflichtspielen überzeugt. 

Richtig Laune macht bislang lediglich das Sturmduo Spalvis/Biada, das Thiele, der Mann mit der größeren Übersetzung, in der Schlussphase ideal zu variieren vermag.

XG-Grafiken zum Beispiel gibt’s voraussichtlich morgen.

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