Hipster gegen Dino – ein ungleiches Trainerduell, oder?

Der eine gilt als der Hipster der Trainerbranche schlechthin, den anderen dürften viele Fußballbeobachter wohl schon zu den Dinosauriern rechnen – obwohl er mit seinen 54 Jahren immer noch jünger ist als etwa Jogi Löw, José Mourinho oder Maurizio Sarri, Kollegen also, die zu den wichtigsten Wegweisern im Fußball des 21. Jahrhunderts gehören. Am Samstag, 15.30 Uhr, treffen Julian Nagelsmann und Michael Frontzeck nun im DFB-Pokal auf dem Lautrer Betzenberg aufeinander. In punkto Spielklasse und Budget mögen längst Welten zwischen Drittligist Kaiserslautern und Champions League-Teilnehmer Hoffenheim liegen. Zwischen den Übungsleitern dagegen tun sich gar nicht so viele Gräben auf, wie sich auf den ersten Blick vermuten ließe. Sie haben sogar einen gemeinsamen Berührungspunkt: den Trainerberater Marc Kosicke.

Mit seiner Agentur „Projekt B“ wollte der ehemalige Nike-Manager 2007 eine eigene Interessenvertretung für die Entscheidungsträger des Fußballs schaffen, also für Trainer und Manager – und stieß damit in eine Marktlücke. Erster Klient war Jürgen Klopp, ihm folgten beispielsweise Bruno Labbadia, Holger Stanislawski oder eben Michael Frontzeck. Kosicke scoutet aber auch gezielt nach jungen Trainertalenten. So hat er neben Julian Nagelsmann mittlerweile auch den Mainzer Sandro Schwarz oder den Augsburger Manuel Baum unter seinen Fittichen.

KOSICKE: „TRAINER SIND DIE EINSAMSTEN MENSCHEN“

Dass sich die heutige Trainergilde durchaus in zwei Generationen trennen lässt, bestätigt auch Kosicke. Im Interview mit dem „Weser-Kurier“ erklärte er vergangenes Jahr anlässlich des 10. Geburtstags seiner nunmehr zum Marktführer aufgestiegenen Agentur:

„Die älteren Trainer waren oftmals Profis und haben schon eine Karriere hinter sich. Die aktuellen Trainer der jüngeren Generation haben jetzt die Chance, ihren Traum vom Bundesliga-Fußball zu leben. Da die heutige Spielergeneration in den Nachwuchsleistungszentren ausgebildet wurde, liegt es nahe, auch die Trainer dort auszubilden. Heute liegt der Fokus auf Spielsystemen, früher lag er eher auf Zweikampf, Mannschaftsgeist und individueller Klasse. Ferner ist das Aufgabengebiet breiter geworden. Trainer müssen heute führen, delegieren, kommunizieren, also viel mehr Managementaufgaben übernehmen.“

Eines aber sei für alle gleich geblieben:

„Trainer sind die einsamsten Menschen.“

Insofern gehen Frontzeck und Nagelsmann tatsächlich als typische Vertreter dieser Generationen durch. Was nicht heißt, dass sie sich nicht verstehen. Mindestens einmal im Jahr treffen sie sich persönlich, wenn Berater Kosicke zur Weihnachtsfeier lädt. In deren Rahmen wird auch ein wenig gemeinsam gekickt. „Ich mag ihn“, sagt Frontzeck über seinen jungen Kollegen. „Er hat Hoffenheim als ganz junger Trainer in einer schwierigen Situation übernommen, seitdem geht es stetig bergauf. Er zählt zu den Toptrainern in Deutschland.“

Damit bedient der Lautrer Coach freilich wieder mal das Nagelsmann-Klischee vom Jungspund, der ins kalte Wasser geworfen wurde und sensationell schnell schwimmen lernte. Wer die auch in diesem Blog besprochenen Bücher von Tobias Escher und Christoph Biermann liest, kann sich ein wesentlich differenzierteres Bild von Nagelsmann zeichnen.

NAGELSMANN: ERFAHRUNG AUS DEM JUNIORENBEREICH ZAHLT SICH AUS 

Der gebürtige Landsberger mag im ungewöhnlich jungen Alter von 29 Jahren Bundesligatrainer geworden sein, unerfahren war er jedoch beileibe nicht. Zuvor hatte er schon acht Jahre als Coach gearbeitet, davon vier als Verantwortlicher: eine Saison mit der U17 und drei Spielzeiten mit der U19 der TSG Hoffenheim, mit der auch Deutscher A-Junioren-Meister wurde.

Dabei standen ihm junge Spieler zur Verfügung, die fußballerisch und körperlich schon auf ein fast professionelles Niveau entwickelt, aber noch formbarer und aufgeschlossener gegenüber Ideen und Experimenten waren, als gestandene Profis es gewesen wären. Ein idealer Nährboden, um die  Vorstellungen und Visionen zu entwickeln, mit denen Nagelsmann die Fußballwelt nun verblüfft.

Seine 31 Prinzipien, auf denen „sein“ Spiel beruht, haben Analytiker bislang nur zum Teil entschlüsselt. So propagiert er etwa „Two-“ statt „One-Touch-Fußball“, weil ihm Genauigkeit wichtiger ist als Schnelligkeit, setzt auf diagonales Passspiel und lässt seine Teams den Weg nach vorne auf der „minimalst möglichen Breite“ suchen – alles äußerst ungewöhnlich, aber erfolgreich. Und hat die Aufmerksamkeit etlicher internationaler Topklubs erregt. 

WECHSEL NACH LEIPZIG: WIRD DIE FRÜHE BEKANNTGABE ZUM FLUCH ODER ZUM SEGEN?

Neben Bayern München und Borussia Dortmund hatte auch schon Real Madrid die Fühler nach Nagelsmann ausgestreckt. Den nächsten Karriereschritt will der nunmehr 31-jährige jedoch in Leipzig unternehmen, allerdings erst ab 2019. Den Wechsel hat er schon jetzt bekannt gegeben. Ebenfalls ungewöhnlich. Branchenüblich wäre gewesen, spätestens bis April 2019 rumzueiern oder beharrlich und zunehmend unglaubwürdiger zu dementieren, was die Spatzen von den Dächern pfeifen.

 „Mir ging es bei der Entscheidung um die innere Ruhe“, begründet Nagelsmann die frühe Bekanntgabe im Interview mit „11Freunde“. „Denn die Spekulationen hätten ja nicht aufgehört. Wenn Niko Kovac oder Lucien Favre nicht so erfolgreich wie erwartet arbeiten, wäre es gleich wieder losgegangen.“

Auch Michael Frontzeck findet es „erfrischend“, wie sein junger Kollege mit dem Wechsel umgegangen ist. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits wird gerade auch der Lautrer Trainer, der die Schattenseiten des Geschäfts zur Genüge kennengelernt hat, selbst nur allzu gut wissen: Wenn es sportlich diese Saison nun nicht so läuft in Hoffenheim, wird Nagelsmanns „erfrischender“ Schritt zum Bumerang werden.

DAS SCHLECHTE ABSCHNEIDEN IM DFB-POKAL GEHT IHM „AUF DIE EIER“

 An dergleichen denkt der forsche Coach derzeit aber keine Sekunde. Er will mit der TSG auch diese Saison was reißen, sie vor allem gut durch die ersten  Champions League-Runden ihrer Vereinsgeschichte führen. Aber auch in den anderen Wettbewerben hat er sich was vorkommen. „Wir werden ambitionierter an den DFB-Pokal herangehen“, kündigte er in der „Bild“ an. „Weil es mir auf die Eier geht, dass wir da in den letzten Jahren so schlecht waren.“ Da kann sich Lautern ja auf etwas gefasst machen.

Den 1. FC Kaiserslautern hat Nagelsmann übrigens bei seiner 1:2-Heimpleite gegen Preußen Münster vor Ort auf dem „Betze“ beobachtet. In einem Hawaiihemd, an dem Jürgen von der Lippe seine Freude gehabt hätte. Gar nicht unauffällige Outfits bei Spielbeobachtungen zu tragen, ist nämlich ebenfalls ein Markenzeichen von Julian Nagelsmann.

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