Vor dem Derby: Frontzecks Kampf gegen die Zeit – und die Schatten der Vergangenheit

Der Karlsruher SC gastiert am morgigen Samstag, 14 Uhr, auf dem Lautrer Betzenberg. Südwestderby also. Zeit für Emotionen. Die waren sogar schon am Donnerstag, während der Pressekonferenz zum Spiel, zu erleben. Euphemistisch ließe sich Michael Frontzecks Auftritt so formulieren: Er strahlte exakt die Galligkeit aus, die  er auch seinem Team mit auf den Weg geben sollte. Mit differenzierterem Blick dagegen ist festzustellen: Die Dünnhäutigkeit, mit der der Coach auf die Art und Weise reagiert, wie seine Arbeit nach dem mäßigen Saisonstart hinterfragt wird, mag menschlich verständlich sein, verwundert aber angesichts der langen Erfahrung, die Michael Frontzeck gerade mit den Schattenseiten des Geschäfts hat. Da wäre mehr Coolness zu erwarten. Aber vielleicht sind es ja gerade die Schatten der Vergangenheit, die ihn einzuholen drohen.

In unserem Interview während der Sommervorbereitung hatte Michael Frontzeck selbst mehrfach Parallelen zwischen dem Karlsruher SC 2017/18 und dem FCK 2018/19 gezogen. Der KSC war ebenfalls gerade aus der Zweiten Liga abgestiegen, musste ein vollkommen neues Team formieren – und dennoch wurde vom Anhang erwartet, dass er in der Dritten Liga direkt wieder oben angreift. 

Entsprechend schwer starteten die Badener in die Saison, hatten nach elf Spielen bereits fünf Mal verloren, fanden dann aber zu Stabilität. Es folgten 21 Partien ohne Niederlage, von denen sie 13 gewannen, und von den verbleibenden sechs verloren sie nur noch zwei Spiele. Am Ende stand Rang drei, in den Relegationsspielen mussten sie sich Erzgebirge Aue geschlagen geben.

BEISPIEL KSC 2017/18: AUCH DER BRAUCHTE ZEIT – UND ENTLIESS DEN TRAINER

Das Beispiel veranschaulicht also gut, dass es seine Zeit braucht, bis eine neu zusammengestellte Mannschaft zu einer Einheit geformt ist. Andererseits räumt Michael Frontzeck im gleichen Interview ein, dass man Zeit in diesem Geschäft nun einmal nicht zur Verfügung habe: „Wenn es nach spätestens fünf Monaten nicht in eine positive Richtung geht, wirst du zur Seite gedrückt.“

Und gar nicht erwähnt hatte er, dass die KSC-Vereinsführung den schwachen Start nicht einfach so in Kauf nahm, sondern reagierte, wie es den sattsam bekannten „Mechanismen des Geschäfts“ entspricht. Nach sieben Spieltagen übernahm Alois Schwartz das Traineramt von Marc-Patrick Meister. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Meister drei Mal verloren. Im DFB-Pokal waren die Karlsruher gegen Bayer Leverkusen ausgeschieden, nach einem respektablen 0:3, das erst in der Verlängerung entschieden wurde. Der FCK hat diese Saison nach vier Tagen Spieltagen bereits zwei Mal verloren und im DFB-Pokal mit dem 1:6 gegen Hoffenheim die höchste Heimniederlage in einem Pflichtspiel ever erlitten.

DEN TRAINER IN DIESER SITUATION ZU HINTERFRAGEN, IST DOCH NORMAL

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir wollen damit keinesfalls sagen, dass Frontzeck im Falle einer Niederlage gegen den KSC „fällig“ sein müsste. Wir wollen lediglich sagen: Es ist absolut üblich, dass der Trainer in der aktuellen Situation hinterfragt wird, vom Anhang, vom Medien und auch von der Vereinsführung. Was im Grunde kaum jemand besser wissen sollte als Michael Frontzeck.

Wer sich die PK vom Donnerstag auf youtube anschaut, wird feststellen: Es sind nicht wirklich die Fragen der anwesenden Medienvertreter, die die gereizte Stimmung erzeugen, der Trainer kommt schon angefressen zum Termin. Ursache dafür ist, wie sich im weiteren Verlauf zeigt, ein Artikel, der am Morgen im „kicker“ erschienen war. Da er online nicht verfügbar ist, sei die kritischste Stelle hier zitiert.

„Die Spieler schätzten seinen (Frontzecks – die Red.) Umgang, einige Stammkräfte kritisierten aber seinerzeit hinter vorgehaltener Hand die lange Leine, die manch jungem, einer klareren Führung bedürftigem Profi nicht bekam, und teilweise die Trainingsgestaltung. Fehlende Variabilität zeigt sich seit Sommer auf dem Rasen. Trotz der Rückschläge hielt Frontzeck an seinem klassischen 4-4-2 fest, dabei haperte es oft an der Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Sturm. Startelf-Änderungen gab es kaum, obwohl Bader & Co. ihren gesamten Kader als ausgewogen anpreisen.“

„Wann hat Taktik schon einmal ein Spiel entschieden?“, fragt Frontzeck da gereizt den anwesenden Kollegen des Autors – wobei er selbst den Fehler macht, „Taktik“ auf in der Tat müßig zu erörternde Fragen der Grundordnung zu reduzieren. Ob 4-4-2, 4-3-3, 4-2-3-1 oder was auch immer, kein System ist per se überlegen, sondern dann richtig, wenn es zu den Verfügung stehenden Spielern passt, da sieht Frontzeck vollkommen richtig. Auch in einem 4-4-2 lässt es sich taktisch äußerst wirksam operieren – wir empfehlen dazu in aller Unbescheidenheit unsere Ausführungen zum Spiel Japan gegen Belgien in unserer WM-Nachlese.

ZU SAISONBEGINN WENIG ZU ÄNDERN, UM STABIL ZU WERDEN, MACHT SINN 

Was für sich hat durchaus auch des Trainers Replik: „Wir haben etwas über eine lange Vorbereitung einstudiert, was ich natürlich nicht nach vier Wochen wieder über den Haufen werfe, nur damit jemand sagt, oh, der ist aber taktisch variabel.“ In einer neu zusammengestellten Mannschaft in der Anfangsphase einer Saison wenig zu ändern, auch Spielern, die schlecht aussahen, direkt wieder das Vertrauen auszusprechen, damit sie sich wieder fangen können – das ist eine in der Tat eine nachvollziehbare Vorgehensweise, um so schnell wie möglich zu Stabilität zu finden.

Unfair sind allerdings Frontzecks Vorhaltungen den nicht anwesenden „kicker“-Autor betreffend. Der verfolgt den FCK nämlich seit Jahren intensiv, ist bestens vernetzt, war zumindest im Spiel gegen 1860 persönlich anwesend und die anderen Partien hat er sicher im TV verfolgt.

Und im Vergleich zu dem, was sonst so auf Trainer, deren Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben, hernieder prasselt, sind die Worte im „kicker“ noch maßvoll gewählt. Was sich in den Internetforen mittlerweile aufgestaut hat, sollte der Trainer da besser gar nicht lesen.

NOCH SPÜRT FRONTZECK DAS VERTRAUEN DES VEREINSFÜHRUNG. NOCH

Abgesehen davon, dass der „Betze“ in schwierigen Zeiten schon immer in Höchstgeschwindigkeit zum Pulverfaß mutierte: Frontzeck muss außerdem  gegen die Schatten seiner eigenen Vergangenheit ankämpfen. Auf früheren Stationen, zuletzt in Hannover, war er nur vorübergehend als Soforthelfer erfolgreich, danach folgten wieder Phasen der Stagnation, die zu seiner Entlassung führten. Allerdings hat man ihm auch nicht oft Gelegenheit gegeben, mal etwas über einen längeren Zeitraum zu entwickeln. Doch das Problem haben viele Trainer. 

Frontzeck selbst wähnt sich übrigens mit der Vereinsführung nach wie vor „in einem Boot sitzend“. Es sei ihm gegönnt, wenn er dieses Vertrauen tatsächlich spürt. Nur, wenn er Karlsruhe 17/18 als anschauliches Beispiel ansieht, wird auch er sich insgeheim fragen müssen: Würden sie mich in Kaiserslautern fünf von elf Spielen verlieren lassen? Der KSC hat dies seinem Trainer Marc-Patrick Meister nicht gestattet.

THE FUNDAMENTAL THINGS APPLY, AS TIME GOES BY…

Sportvorstand Martin Bader hat in der „Rheinpfalz“ diese Woche eine Analyse der jüngsten FCK-Spiele abgeliefert, die tiefer geht als das Rumgeeier ums 4-4-2: „Die Abstände zwischen den Ketten waren zu groß bei uns, auch zwischen der Vierer-Abwehrkette und den defensiven Mittelfeldspielern. Wir kommen nur zu Torchancen, wenn wir nachrücken, Zuck und Hemlein auch mal in die Halbräume gehen.“ Noch sieht der Sportchef die Spieler in der Pflicht, dergleichen abzustellen, dem Trainer bescheinigt er nach wie vor „akribische Arbeit.“ Noch.

Was das beste Mittel ist, dieses Vertrauen zu erhalten? Nun, das ist jetzt wirklich einfach: gewinnen. So war es immer, so wird es immer sein: The fundamental things apply, as time goes by…

Kommentar verfassen