Bücherblog: „Weltmeister ohne Talent“ – Die Poggenpohl-Küche unter den Innenverteidigern packt aus

Länderspielpausen lassen sich nur schwer überbrücken, gerade auch für Fans von Drittligisten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass die Kicker ihres Herzensklubs über ausreichend Talent verfügen, um wenigstens in der untersten deutschen Profiliga oben mitzuspielen. Wie wär’s, als Inspiration, mit der Geschichte von einem, der Weltmeister wurde, und das nach eigenen Angaben „ohne Talent“? So hat Per Mertesacker seine Autobiographie betitelt. Und allen Vorab-Interviews, allen (Vor-)Urteilen von Sportliteratur-Koryphäen à la Lothar Matthäus zum Trotz – die Lektüre lohnt sich. Auch wenn die Vita des langen Nordlichts den 1. FC Kaiserslautern so gut wie gar nicht berührt. Immerhin kreuzt sie mal den Weg der Ex-Lauterer Carsten Jancker und Tim Wiese, und Michael Frontzeck wird ebenfalls erwähnt.

Leider unterschlagen Mertesacker, sein Co-Autor Raphael Honigstein und ihr Lektor das „c“ im Namen des gegenwärtigen Lautrer Trainers, und die Episode ist nur kurz, aber erbaulich. Sie spielt bei Hannover 96, der ersten Profistation Mertesackers. Trainer Ralf Rangnick hat dem Schlaks aus Pattensen zwar den Sprung in die Erste Mannschaft ermöglicht, nachhaltiger geformt fühlt er sich aber von dessen Nachfolger Ewald Lienen.

Der mag in der Nullachtfünfzehn-Wahrnehmung der Fußballmedien als tendenziell griesgrämiger „Zettel-Ewald“ verankert sein. Tatsächlich aber sei er im geschlossenen Mannschaftskreis zu humoristischen Höchstleistungen fähig, lästere etwa sehr amüsant gegen Protagonisten und insbesondere Berichterstatter dieses Sports, berichten Mertesacker/Honigstein. Und in Hannover sei da ein „staubtrockener, erfahrener Mann“ an seiner Seite gewesen, der ihn ab und zu mal bremste („Ewald, jetzt isses aber mal gut“): ein gewisser Michael „Frontzek“. Ist doch mal schnell schön zu wissen.

„GEH DOCH ZU DEINEM KLINSI“

So lesen sich alle Geschichten, die Mertesacker aus dem Innenleben von Hannover 96, Werder Bremen, Arsenal London und der Nationalmannschaft zum Besten gibt: Interessant, flüssig, „nett“ im positiven, bisweilen aber auch im belanglosen Sinne. Denn so richtig kritisch geht der Biograph mit keinem seiner Wegbegleiter ins Gericht.

Über Carsten Jancker etwa wird mal erzählt, dass er zu denen gehörte, die gegen ihre Gegenspieler auf dem Platz gerne anstänkern („Geh doch zu deinem Klinsi“). Selbst die Eigenheiten eines Tim Wiese schildern die Autoren mit einiger Sympathie. Und sogar für den Argentinier Leandro Cufré, der dem deutschem Nationalspieler nach dem Elfmeterschießen bei der WM 2006 aus Wut und Frust in die Weichteile tritt, haben sie so etwas wie eine Entschuldigung parat: „Er hat mich wohl mit Tim Borowski verwechselt.“ Der habe die Argentinier zuvor provoziert.

MERTESACKERS MESSAGE: DEN EIGENEN KÖRPER OPTIMAL PRÄPARIEREN

Richtig leidenschaftlich und tiefgründig wird Mertesacker, wenn er sich damit auseinandersetzt, wie Profis mit ihrem wichtigsten Kapital umgesehen sollten, mit ihrem Körper nämlich. Um diesen optimal zu präparieren, hat der 1,99 Meter-Hüne stets – und das in mehrerlei Hinsicht – mehr investiert als seine Berufskollegen, die am liebsten nur Übungseinheiten mit Ball absolvieren und außerhalb der offiziellen Trainingszeiten vornehmlich auf Spielkonsolen rumdaddeln.

Zum Teil suchte er Spezialisten ohne Wissen oder gar gegen den Willen seines Arbeitgebers auf, wenn er überzeugt war, dass sie ihm besser helfen konnten als die vom Klub beschäftigten Kräfte. In seiner Zeit bei Arsenal etwa investierte er zehn Prozent seines Jahresgehalts in einen eigenen Betreuerstab. Nur so sei es ihm gelungen, sieben Jahre auf höchstem Niveau in der Premier League mitzuhalten.

Als seine wichtigsten Begleiter nennt er seine Freunde Nadine und Richard Baum, eine Physiotherapeutin und einen Fitnesstrainer, die er in London fest anstellte, und Lars Lienhard, Sportwissenschaftler und Pionier des „neural gesteuerten Athletiktrainings.“ Das mag sich schwer konsumierbar anhören, liest sich aber ebenso flüssig wie schlüssig, wenn Mertesacker schildert, wie sich sein Spiel dank gezielter Konzentrationsübungen, insbesondere für die Augen, nach und nach weiter verbessert.

BESTE LEKTÜRE FÜR FUSSBALLJUNIOREN – UND IHRE ELTERN

Aus diesem Grunde sollte „Weltmeister ohne Talent“ Pflichtlektüre sein für alle jungen Fußballer, die von einer Profikarriere träumen. Und für alle Eltern, die ihren Nachwuchs auf diesem Weg verantwortungsbewusst begleiten wollen. Und es zeigt, wie blödsinnig es von einem Lothar Matthäus ist, in Frage zu stellen, ob Mertesacker zum Leiter der Nachwuchsakademie von Arsenal London tauge, weil dieser im Rahmen seiner Buchvorstellung auch von Versagensängsten berichtete, von denen millionenschwere Jungprofis heimgesucht werden können. Arsenal London kann stolz sein, einen solchen Mann für diesen Posten verpflichtet zu haben.

Das legendäre „Eistonnen“-Interview des Kickers wird selbstverständlich auch erwähnt, erhält in der Nacherzählung aber lediglich den Platz, der ihm eigentlich gebührt: als Bagatelle nämlich. Ein Spieler, der sich gerade über 120 Minuten durch ein WM-Achtelfinale gequält und am Ende gewonnen hat, hat keinen Bock, direkt nach dem Abpfiff die Auffassung des Fragestellers zu bestätigen, der Kick sei doch Gülle gewesen – na und?

EIN VORZEIGEPROFI, DER SCHON FRÜH GEPRÄGT WURDE

Weshalb Mertesacker so ein mitdenkender Fußballprofi geworden ist? Auch dafür liefert das Buch einige Erklärungsansätze. So hätte seine Karriere um Haar gar nicht erst begonnen, weil der Junge schon als 15-Jähriger wegen ungeheuerlicher Wachstumsschmerzen ein ganzes Jahr pausieren musste – das kann einen schon früh dazu bringen, intensiver als andere übers Verhältnis zum eigenen Körper nachzudenken.

Und sein Vater hat, als der Junge Per seinen ersten Juniorenvertrag unterschrieb, nicht so hoch wie möglich mit den Vertretern an der anderen Seite des Tischs gepokert, sondern darum gebeten, dass das vorgesehene monatliche Salär von 2000 Euro auf 1600 herabgesetzt wird, weil das genug sei – auch das gewährleistet Bodenhaftung.

Seine erste feste Freundin hat mit ihm Schluss gemacht, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen jungen Damen keine Lust auf eine öffentliche Wahrnehmung als Spielerfrau hatte – dergleichen zwingt ebenfalls schon in frühen Jahren zum Nachdenken. Und seinen Zivildienst leistete Per Mertesacker in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt – die vielleicht beste Vorbereitung aufs Leben, insbesondere auf ein Dasein als Fußballprofi.

Auch sprachlich setzen Mertesacker/Honigstein immer mal Glanzlichter. Über seine Wahrnehmung als Neuverpflichtung aus Deutschland in London schreiben sie etwa: „Ich war so etwas wie die Poggenpohl-Küche unter den Innenverteidigern.“ Die Arsenal-Fans nannten den Langen übrigens „The Big Fucking German“. Wär doch ein schöner Titel für die englischsprachige Ausgabe.

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